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NetArt: Links
in English
Plattformen für NetArt:
- Abstraction Now:
Das Künstlerhaus Wien zeigte von August bis September 2003 in der
Ausstellung "Abstraction Now" a-mimetische Kunst in ihren
multi- und intermedialen Ausprägungen. Abstraktion wird als "hybrider
dynamischer Prozess" (Pfaffenbichler)
verstanden. Die Kuratoren Norbert Pfaffenbichler und Sandro Droschl
präsentierten Beispiele in den Medien Gemälde, Skulptur, Fotografie,
Film, Video, CD, Installation und Netz als Teile einer Medienlandschaft
digitaler Bildverarbeitung, die eine Trennung in unabhängige medienspezifische
Entwicklungslinien nicht sinnvoll erscheinen lässt (Konzept).
The Online
Project enthält ein bis drei Beiträge von 22 KünstlerInnen
und Künstlergruppen. Viele Beiträge sind in die Site integriert
(Dextro, Insertsilence, Juerg Lehni, Golan Levin, Lia, Meta, Glen Murphy,
[N:JA], Norm, Casey Reas, Return, Soda/Ed Burton & Julian Saunderson,
Manny Tan, James Tindall, Marius Watz, Yugop), zu anderen Projekten
führen Links (Jodi, Jan Robert Leegte, Peter Luining, Mark Napier,
Nullpointer/Tom Betts). Abstraktion als Prozess wird u. a. mit Java
sowie häufig mit Shockwave und Flash vorgeführt, ohne den
Source Code zugänglich zu machen (Ausnahme: Marius Watz). Einige
Projekte sind Soundtoys (s. u.),
die audiovisuelle Generierung mit Steuerungsmöglichkeiten durch
Mausbewegungen kombinieren (Burton, Insertsilence, Lia, Luining, Return,
Tindall). Lev Manovich stellt die Beiträge zum Online Project in
Abstraction
and Complexity als Beispiele für einen Paradigmenwechsel von
Reduktion (abstrakte Kunst und Wissenschaft um 1910/1920) zu Komplexität
(& Emergenz) vor: Sie oszillieren "between order and chaos".
Manovich widerspricht der Gleichsetzung von a-mimetischer mit non-repräsentativer
Kunst der Kuratoren, wenn er vorschlägt, Abstraktion als "symbolische
Repräsentation" der "neuen sozialen Komplexität"
zu untersuchen (7/2004).
- Banner Art Collective:
Die Website "Banner Art Collective" wurde von Brandon Barr
(Konzept) und Garrett Lynch (Design) im Oktober 2002 eingerichtet. Ihr
Archiv enthält über hundert Banner. Rein graphische Banner
und solche mit witzigen und/oder aktivistischen Botschaften werden zur
Integration in Webseiten angeboten. Die Banner stammen von teilweise
bekannten KünstlerInnen (z. B. Agricola de Cologne, Gerhard Mantz,
Millie Niss, Jim Punk) und StudentInnen. HTML-Befehle zur Integration
in Webseiten werden mitgeliefert. Künstler, die Banner einbringen
wollen, werden auf die Interactive
Advertising Standards verwiesen.
Ein Banner
Art Collective's Artist Kit erleichtert die Arbeit mit diesen Standards
(3/2003. 9/2011: URL-Adresse
existiert nicht mehr, siehe die Kopie der Site im
Internet Archive, welche die Dateien der Banner nicht enthält).
- Carnivore:
"Carnivore" wurde am 1.Oktober 2001 von RSG (Radical Software
Group) auf der Website von Rhizome
als Plattform installiert. Die Plattform enthält Beiträge von Cory
Arcangel, Area3, Jonah Brucker-Cohen, Vuk Cosic, Mark Daggett, Joshua
Davis, Entropy8EntropyZuper!, Lisa Jevbratt, Golan Levin, Mark Napier,
RSG, Scott Sona Snibbe und anderen. Diese "client applications"
(Java Applets und Flash-Movies) sind Visualisierungen von (transformierten
Teilen der) mit einem Programm von RSG in einem lokalen Netzwerk gesammelten
Daten ("packet-sniffing"). Das von Ethernet
angeregte Programm "CarnivorePE" (für Windows seit 6.4.2002)
wird als Open Source Software zum Download angeboten. So könnten
auch Angestellte ihre Vorgesetzten kontrollieren, doch: Die Verarbeitung
des Datenverkehrs in einem lokalen Netzwerk orientiert sich in den Beiträgen
für "Carnivore" primär an ästhetischen Kriterien,
weniger an Dechiffrierbarkeit.
RSG greift mit "CarnivorePE" den Namen des FBI-Programms "Carnivore"
(Bezeichnung für DCS1000)
zur Überwachung des internationalen Netzverkehrs (mittels Stichworten)
auf. Dies führte bei der Jury des Prix
Ars Electronica 2002 (Abteilung "Net Vision", Preis: Goldene
Nica) zur Behauptung, "Carnivore PE" sei "based on the
FBI's software for monitoring network traffic", was die Jury des
Read-Me Festival 1.2
zu einer Gegendarstellung provozierte: "The relationship of Rhizome´s
Carnivore to the FBI´s spying tool of the same name seems to be
a matter of concept and hipness-value, but it is not very obvious (3/2003).
- CODeDOC
:
Die Online-Galerie Artport
des Whitney Museum of American Art
in New York stellt in "CODeDOC" (seit September 2002, kuratiert
von Christiane Paul) kleinere Arbeiten vor. Paul bestimmte,
dass die Arbeiten Bewegungen zwischen drei Raumpunkten herstellen und
8 kb nicht überschreiten sollen. HTML und FlashScript entfielen,
um die Zahl der KünstlerInnen zu begrenzen. Die Website führt
UserInnen zuerst zum Quellcode (C++, Java, Lingo, Perl, Visual Basic)
eines Beitrags, dann zur Browserpräsentation. Außerdem kommentierten
die beteiligten amerikanischen KünstlerInnen (Sawad Brooks, Mary
Flanagan, Alex Galloway, John Klima, Golan Levin, Kevin McCoy, Mark
Napier, Brad Paley, Scott Snibbe, Camille Utterback, Martin Wattenberg
und Maciej Wisniewski) die Beiträge ihrer KollegInnen (3/2003).
Für die Ars
Electronica 2003 in Linz (Ars Electronica
Center und Brucknerhaus, September 2003) organisierte Christiane
Paul mit CODeDOC
II eine Plattform für europäische KünstlerInnen (Ed
Burton, epidemiC, Graham Harwood, Jaromil, Annja Krautgasser & Rainer
Mandl, Jean Leandre, Antoine Schmitt und John F. Simon jr.) (2/2004).
- copy-art.net
Die Kuratorin Irini-Mirena Papadimitriou stellte die Plattform im Juni
2004 in IBID Projects (London) zum ersten Mal vor. Die Site enthielt
damals Werke von Anna Best, Bigert & Bergström, Colectivo Cambalache,
Critical Art Ensemble, AK Dolven, House of O´Dwyer, Per Hüttner,
juneau projects, Miltos Manetas, Matthieu Laurette, N55, Szuper Gallery
und Thomson & Craighead. Die Plattform erhielt für die Ausstellung
im Londoner ICA (Institute of Contemporary Arts, September-Oktober 2004)
acht weitere Beiträge. Später folgten sechs weitere Werke
(Stand: Oktober 2006). Zu Beiträgen auf anderen Websites vom Critical
Art Ensemble oder von Anna Best, Ella Gibbs, Miltos Manetas, Thomson
& Craighead und Carey Young führen Links.
Die Werke unterliegen der Creative
Commons License Attribution-NonCommercial 2.0 und können zu
nichtkommerziellen Zwecken kopiert und verändert werden. Urheber
müssen genannt werden.
Thomson & Craighead verwenden in attributed-text.net
(1997, Links aktualisiert) einen Standard Copyright-Hinweis ("All
rights reserved...") als Link-Basis. Die verlinkten Webseiten mit
Texten über Urheberrechtsprobleme u.a. erscheinen darunter und
Quellenhinweise darüber. Das Critical Art Ensemble erweitert das
Diskussionsfeld über Fragen von Kopie und Modifikation im Kontext
des Urheberrechtsrechts auf dieselben Fragen im Kontext der Biotechnologie
und thematisiert in Free
Range Grain die Import- und Kennzeichnungsbestimmungen der EU für
die Trennung von genmanipulierten und nicht genmanipulierten essbaren
Agrarprodukten. Mit seinem Formular für eine Ankündigung einer
Freigabe zum Download greift Mathieu Laurette Strategien der Kommunikationsguerilla
auf: Eine Firma soll in ein über e-Mail zu verbreitendes Formular
eingetragen werden, die in Reaktion auf einen ebenfalls einzutragenden
Konkurrenten eines ihrer Produkte ebenfalls freistellt (How
to launch a rumour on the Internet?, 2000).
Die Beiträge realisieren Remix-Strategien (Colectivo Cambalache,
Doug Fishbone, Isabel Saij) oder offerieren Material für Kopien
und weitere Verwertungen inklusive Transformationen (Carey Young, Gavin
Wade) und/oder sie stellen Strategien und Theorien zu den Themen Urheberrecht
(Matthieu Laurette, Szuper School, Thomson & Craighead) und (Post-)Autonomie
(David Goldenberg) vor (10/2006, 10/2009: URL-Adresse existiert nicht
mehr).
- Electronic Literature
Collection Volume One:
In: Electronic Literature Organization. October 2006. Die Plattform
enthält 60 Beispiele für elektronische Literatur, die zwischen
1994 und 2006 entstanden. Sie wurden von N. Katherine Hayles, Nick Montfort,
Scott Rettberg und Stephanie Strickland für die "Preservation,
Archiving and Dissemination Initiative (PAD)" der Electronic Organization
ausgewählt. Die Plattform erleichtert durch einführende Erläuterungen
und technische Hinweise ("instructions") den Umgang mit den
Werken.
Das digitale Archiv ist auch als CD-ROM erhältlich. Dies zeigt,
dass die Sammlung abgeschlossene Werke enthält, die nicht von Netzbedingungen
(wie Daten aus Verbindungen zu extern archivierten Dateien, Eingaben
von NetzteilnehmerInnen und deren Archivierung) abhängig sind.
Nicht die zwischen Kooperation und Kollaboration (Christiane Heibach:
Oszillationen//Netzkunst/Netzliteratur, s.u.)
unterscheidbare Interaktion der Co-AutorInnen als TeilnehmerInnen eines
Work-in-Progress, sondern der/die Progammierentscheidungen der AutorInnen
explorierende LeserIn ist das Leitbild dieser Auswahl. Die in der Monitorpräsentation
von LeserInnen eruierbaren Funktionen und ihre Programmierung (Squeak,
Hypertext, Processing, Flash, Director, VRML, Quicktime u.a.) bleiben
zentrale Bezugspunkte, sofern RezipientInnen nicht passive ZuschauerInnen
bleiben. Diese elektronische Literatur geht nicht in Netzkultur auf
wie der Assoziationsblaster
(Dragan Espenschied/Alvar H.C. Freude, seit 1999), sondern versucht,
ihre Einbettung als Rahmen (Kunst)-im-Rahmen (Kultur) zu kontrollieren:
Netzliteratur versus elektronische Literatur. Die Entwicklung der technischen
Möglichkeiten von Hard- und Software steht im Vordergrund, während
die Entwicklung des Netzes durch TeilnehmerInnen weitgehend ausgeblendet
bleibt (Spuren der Netzkultur lassen sich nur in der Wiederverwendung
von gespeichertem extern gefundenem Material und in der Verwendung üblicher
Hard- und Software finden).
N. Katherine Hayles gibt in "Electronic Literature: What is it?"
(s.u.)
eine Einführung, die in leicht modifizerter Fassung das erste Kapitel
des Buchs "Electronic Literature: New Horizons for the Literary"
bildet. Das Buch enthält die Database der Netzplattform auf CD-ROM
(Hayles, N. Katherine: Electronic Literature. New Horizons for the Literary.
Notre Dame/Ithaca 2008. CD-ROM ohne Buch frei erhältlich von: Electronic
Literature Organization. Maryland Institute for Technology in the Humanities
(MITH). B0131 McKeldin Library. University of Maryland. College Park,
MD 20742) (10/2009).
- Extrapolation:
Auf der Website von Wigged
Productions (Leitung: Seth Thompson) wird zwischen 1. Juli 2006
und 15. Juni 2007 die Online-Ausstellung "Extrapolations"
vorgestellt. Als Resource für die Hälfte der acht Werke dient
der Server des Kurators Huberto
Ramirez, andere Links führen zu Werken auf externen Sites.
Die Projekte
setzen die Medien Foto und Film in digitalen Animationsformen zur Vermittlung
politischer Aussagen ein.
Ramirez suchte Belege für ein politisches Engagement, das Veränderungen
nicht von der Peripherie aus, sondern in den Machtzentren zu erzeugen
versucht. Diese Zentren sind nicht mehr an einen Ort oder eine Nation
gebunden. Das Modell der Taktischen Autonomen Zone lösen nach Ramirez
Strategien für Aktionen in den Machtzentren ab. Situativ bedingte
strategische Konfigurationen sind ephemer und werden bei Gelegenheit
neu gebildet. Ellipse und Metapher seien strategische Mittel, um etablierte
Interpretationsweisen aufzubrechen. Ramirez bezieht sich in seinem Kuratorenstatement
auf Craig Owens "The Allegorical Impulse" (October, Nr. 12,
Spring 1980, Teil I, S.67-86; October Nr.13, Summer 1980, Teil II, S.58-80).
Einen Beleg für diesen "Impuls" liefert Deva Evelands
Mouthpiece
#2. Er steckt sich in einer schmerzlichen Prozedur Zahnstocher mit
angeklebten Fähnchen, die mit Stars and Stripes bedruckt sind,
zwischen die Zähne und verletzt dabei sein Zahnfleisch. Die Fähnchen
behindern das Sprechen: Sie und der von ihnen symbolisierte Nationalismus
machen `mundtot´.
In allen Beispielen stehen Bildwelten nicht nur für das Vorgeführte.
Die Werke führen die Folgen der Globalisierung in überspitzter
Form direkt (The
Yes Men durch einen Vorschlag, der das Gefälle zwischen Reichen
und Armen bei der Nahrungsversorgung verschärft vgl. Vortrag
März 2002 in Plattsburgh) oder indirekt zum Beispiel über
die Präsentationsformen der Massenmedien (Jody
Zellen) oder über das lateinische Alphabet vor, das heute in
keiner anderen Sprache als auf Englisch vorgestellt zu werden braucht
(Peiyun
Lee). Dass Globalisierung in den Sprachen aufbewahrte kulturelle
Differenzen (noch?) nicht egalisieren kann, zeigt Lana Lin in No
Power To Push Up The Sky am Beispiel der Versuche von 15 ÜbersetzerInnen,
ein Interview mit Chai Ling, der Anführerin des Studentenprotestes,
das einige Tage vor dem Massaker 1989 am Tiananmen Platz in Beijing
stattfand, auf Englisch wiederzugeben. Wie sich unter Bedingungen der
Globalisierung in U.S.A. soziale Indifferenz und Angst vor Terror zueinander
verhalten, führt Arzu Özkal Telhan in The
Unattended Body vor: Wer sich zu lange in Durchgangsräumen
ohne erkennbaren Grund aufhält, provoziert das Sicherheitsempfinden
des Videovoyeurs (also von uns, den BeobachterInnen), während PassantInnen
und AutofahrerInnen die AbweichlerInnen ignorieren (10/2006; 4/2013:
URL-Adresse existiert nicht mehr. Siehe Internet
Archive).
.
- The Famous Sound of Absolute
Wreaders:
Das von Johannes
Auer konzipierte Projekt besteht aus Schichten von Texten über Texten:
manuelle Textbearbeitungen, audielle Kommentare und codierte Transformationen.
Fünf AutorInnen Auer, Reinhard Döhl (gest. 29.5.2004),
Sylvia Egger, Oliver Gassner, Martina Kieninger, Beat Suter haben
Beiträge von TeilnehmerInnen bearbeitet. Diese Texte bilden die
Basis einer 40 minütigen Radioversion für zwei Sprecher, die
der ORF am 7.9.2003
sendete, und einer Netzversion mit sechs Projekten. Aus "Multitasking"
(Auer)
wird in der Radioversion "multi-talking" u. a. in Lesungen
nach manuell collagierten und als "remix generiert[en]" Texten
sowie "multi-asking" als Kommentar in normalem und alkoholisiertem
Zustand.
Zwei Netzprojekte brechen Projektebenen besonders eindrucksvoll: Oliver
Gassner teilt in as
time goes on: absolute wreaders Kieningers Text
über Gassners tango
rgb und Auers Lob-Buch
einer gemeinsamen Reise in vier Frames mit aktivierbaren Auto-Scroll-Funktionen
und fügt einen fünften Frame mit einem Text hinzu, der zur
permanenten Reaktivierung der Scroll-Funktionen aller Frames auffordert,
und darin die eigene Scroll-Funktion einschließt. Suter und René
Bauer verwenden Döhls Bearbeitung von Kieningers "der schrank.
die schranke", seine Kommentare über die Beiträge weiterer
TeilnehmerInnen und deren Netzprojekte in Scrabble
mit Döhl als Basis für Text- und Bildtransformationen.
Fünf Scripts generieren über den Bildschirm laufende Textfetzen
als "multi-layer-scrabble" und erweitern es um Netzfunde.
Kieningers Fenster
1 2 3 4 5 6, Gassners "as time goes on" und Suter/Bauers
"Scrabble" präsentieren Modelle für simultanes Lesen
von bewegten Textteilen. Die Modelle thematisieren im Rekurs auf literarische
Avantgarden Zusammenhänge zwischen Präsentationsform und Lesemöglichkeiten
(6/2004).
- The 5k:
Der Web Designer Stewart Butterfield installierte im Herbst 1999 "the
5K" (5120 bytes) als Plattform für Einsendungen von Beiträgen
aller Art für einen Wettbewerb. Die Einsendungen sollen nicht mehr
als 5k Daten betragen und dürfen nicht Server-seitige Generierung
einsetzen. Die Jury des seit 2000 jährlich neu ausgetragenen Wettbewerbes
wertet "function", "aesthetics", "concept"
und "size score"/"entries overall". Das Preisgeld
ist mit 5120 US Cents ein symbolischer Betrag: Cent=Bytes. Die archivierten
Beiträge konnten auch von UserInnen bewertet und kommentiert werden.
Die Plattform "is entirely non-commercial and does not accept sponsorship
or advertising" (3/2003; 6/2006: nur noch eine Platzhalter-Homepage
ohne Archiv gefunden).
- Illegal Art:
Die Wanderausstellung "Illegal Art: Freedom and Expression in the
Corporate Age" (Kuratorin: Carrie McLaren) präsentierte 2002-2003
zahlreiche Beispiele für Formen der Wiederverwendung von urheberrechtlich
geschütztem Bild- oder Tonmaterial. Für Rechtsschutz sorgte
(unter anderen) Chilling Effects
Clearinghouse, eine Vereinigung, in der die Electronic
Frontier Foundation und die juristischen Fakultäten von fünf
amerikanischen Universitäten zusammenarbeiten.
Die Website der Ausstellung stellt Filmausschnitte, Animationen, Musik
und Ausstellungsobjekte zum Teil mit ihrer Rechtsgeschichte
vor: Einige Prozesse waren während der Ausstellung noch nicht abgeschlossen
(3/2003).
2004 wurden auf der Homepage
der ehemaligen Wanderausstellung aktuelle Fälle gemeldet, so zum
Beispiel "The Grey Album" von DJ Danger Mouse und eine neue
Hörspur zu "Harry Potter and the Sorcerer´s Stone"
von Brad Neely (mit Links und Downloads, 6/2004).
(s. Kapitel (Il)legal
Art in Von
Radical Software zum Netzaktivismus) (2/2004; 5/2013: URL-Adresse
existiert nicht mehr. Filme archiviert in
Internet Archive)
- Kingdom of Piracy
<KOP>:
KOP thematisiert Copyleft/Copyright Probleme, wie sie in Konflikten
zwischen VertreterInnen des Netzideals der unbegrenzten Connectivity
inklusive freiem Download und den Copyright-Ansprüchen (Downloadsperren
gegen Privatkopie etc.) der Software- und Unterhaltungsindustrie ausgetragen
werden. Letztere gefährden mit ihren Regulierungsansprüchen
die Netzarchitektur: "Data Lords" contra "Digital Commons"
(Curatorial Statement).
Die drei Writing
Projects 2002 verdeutlichen den Ernst der Probleme.
Zunächst wurde KOP von der ACER Group in Taiwan unterstützt.
Im April 2002 änderte sich die Führung von ACER und die taiwanesische
Regierung startete eine Anti-Piracy Campagne. Die taiwanesische Pilot-Site
wurde Mitte Juni 2002 aufgegeben, nachdem die Führung des Acer
Digital Arts Center die Kontrolle der Links und eine Änderung
des Titels der Plattform forderte. Die Kuratoren Shu Lea Cheang, Armin
Medosch und Yukiko Shikata gaben nicht nach. Sie fanden 2002 im Ars
Electronica Center einen neuen Server für KOP.
Projekte von BEIGE, Shu Lea Cheang, Eastwood, Espenschied/Freude/Milles,
Olia Lialina, Graham Harwood/Mongrel, Uebermorgen, Raqs Media Collective,
RSG, www.0100101110101101.ORG
und anderen verfolgen die Ziele des Projektes mit unterschiedlichen
Strategien (3/2003).
Das Projekt "DIVE" (2003) konzentriert sich auf die konzeptuelle,
Software- und prozessorientierte Seite von Netzprojekten. DIVE ist sowohl
im Netz (mit den
älteren Kingdom of Piracy-Projekten)
abrufbar als auch auf CD-ROM
(mit Buch, Medosch, Armin (Hg.): DIVE. An Introduction into the World
of Free Software and Copyleft Culture. FACT,
Liverpool/Virtualcentre-Media.net 2003, ISBN 0-9541604-9-5) von FACT
publiziert. Der Server der Site (für Download) wie die CD-ROM enthalten
eine Reihe von Netzprojekten in der "Art"-Rubrik,
darunter Browser wie I/O/Ds Webstalker
und Nullpointers "Webtracer" oder epidemiCs "Antimafia"
für die aktivistische Verwendung von Peer-to-Peer, The Yes Mens
Reamweaver
für die Erstellung modifizierter Spiegelsites, Double Negatives´
"plaNet Former" u. a. Andere Seiten geben über Copyleft-Lizenzen
und Freie Netzwerke Einführungen (mit Links). Texte von Armin Medosch
(s.u.), Janko Röttgers, RAQs Media Collective
(s.u.), Saul Albert und Lawrence Chua vertiefen
die Zusammenhänge, die "Kingdom of Piracy" untersucht.
Mit DIVE ist "Kingdom of Piracy" zur umfangreichsten und konzeptuell
prägnantesten Plattform für Zusammenhänge zwischen Free
Software, Netzaktivismus und NetArt geworden (2/2004).
- Looped:
25 dänische Künstler präsentieren seit 16. Oktober 1998 Loops mit
wenigen und kurzen Sequenzen (Video, Animation, Text, Ton). Die Loops
werden laufend ausgetauscht. Die Plattform, die jemand (Mette
Sandbye für Artnode)
machen musste! (3/2003: 10/2009: nicht mehr im Netz)
- Netfilmmakers:
Seit 2004 erscheint alle drei Monate eine neue "Edition" mit
meist drei Filmen (einschließlich experimenteller, netzbedingter
Filmformate) in der "Netgallery" Themen bisheriger Editionen
waren unter Anderem "Territory" (2004), "Docu-Slash"
(2006), "Navigation" (2006) und "Real-Un-Real" (2009).
Die Leiterin und Kuratorin Annette Finnsdottir stellt in einem Beitrag
für Vague Terrain (Journal 11/2008) die Plattform vor und hebt
drei Filmbeispiele hervor, darunter den "interactive netfilm"
(Don´t)
Leave Me Alone von Kassandra Wellendorf (2006). Alan Sondheims What
Remains (2009) zeigt digitale 3D-Filmproduktion in Zeiten von Second
Life.
Im Vergleich zu für Beiträge offenen Plattformen wie YouTube
und Vimeo stellt Netfilmmakers unvermeidbar die Frage, welche Rolle
kuratierte Filmplattformen mit abgeschlossenen Einheiten im Netz heute
noch spielen können. Netfilmmakers ist mit seinen Editionen
themenorientiert, während dvblog
als einzige Einschränkung für die Einsendung von Beiträgen
das Format Quicktime hat. Von der Zustimmung der Herausgeber (Doron
Golon, Brittany Shoot und Michal Szapowski) hängt die Archivierung
einer Einsendung in der Database des Servers ab. Kuratorische Tätigkeiten
werden in dvblog durch Herausgeber-seitiges Tagging ersetzt (10/2009,
5/2013).
- page_space project:
AutorInnen sollten, so stellt Braxton
Sodermann die Plattform (2004) in seiner Einleitung vor, zusammenarbeiten,
nicht um wie in Ted
Warnells Beitrag zu The
Field Project (1999) gemeinsam ein Textfeld in Form von auf
einer Seite grafisch verteilten Links zu schaffen, sondern um digitale
Umgebungen für Texte anderer AutorInnen bereit zu stellen. Die
Projekte wurden mit Flash und Macromedia Director programmiert. Die
Bildschirmseite als Präsentationsraum für Text(teil)e hat
Vorrang vor dem Code. Der Zusammenhang zwischen Code, Bildschirmpräsentation
und Codepoetry, wie ihn Talan Memmotts Lexia
to Perplexia (2000) vorführt, spielt in den Beiträgen
keine Rolle.
In Jason Nelsons Beitrag untitled
(to reconstruct) entfaltet sich Jody Zellens Text durch Klicks auf
Kästchen als Baumstruktur von links oben nach rechts unten. Deena
Larsens Cut
to Flesh zeigt eine Fläche voller Fragezeichen. Klicks auf
die Fragezeichen lassen Teile von Zellens Text diagonal über den
Bildschirm laufen. Zu Nelsons hierarchischer Struktur liefert Larsen
das nichthierarchische Komplement: Derselbe Text, der bei Nelson entfaltet
und als Ganzer lesbar wird, erscheint bei Leeson in Satzfragmenten,
die in ihrer graphischen Präsentation keinen Hinweis auf ihren
Zusammenhang liefern. In Jim Andrews´ Arteroids
werden Worte und Satzteile aus Texten von Christina McPhee und Helen
Torrington zu Elementen, mit denen das "script/"-Element des
Spielers nicht zusammenstoßen darf und die er `abschießen´
muss. Realistische Spielumgebungen löst ein Textraum ab, in dem
die Anforderungen, sich als SpielerIn erfolgreich zu bewegen, von Level
zu Level anspruchsvoller werden. Brian Kim Stefans´ Dibagan
ermöglicht es LeserInnen, Worte aus einem Text von geniwate auf
der Fläche zu verteilen. Erst im Spiel mit den vier via Kursor
ausziehbaren Elementen werden Worte erkennbar. Bild und Ton liefern
den Kontext, durch den Zusammenhänge zwischen dem Wortmaterial
erkennbar werden: Der Irak-Krieg. In Simon Biggs´ non-LOSS´y
translator wird der Text von Loss Pequiño Glazier (aus griechischen
Buchstaben und arabischen Ziffern) zum grafischen Bestandteil einer
dynamischen Präsentation, die Texteingaben von LeserInnen leider
nur aufnimmt, statt sich mit jeder weiteren Eingabe zu rekonfigurieren.
Weitere Beiträge
und Kollaborationen von und mit Simon Simon Biggs, geniwate, Loss Pequiño
Glazier, Deena Larsen, Brian Kim Stefans, Pedro Valdeolmillos und Jody
Zellen (10/2006).
- Processing:
Die Plattform enthält seit Mai 2003 Beispiele (mit Source Code)
von Jonah Brucker-Cohen, Brendan Dawes, Mikkel Crome Koser, Golan Levin,
Lia, Mark Napier, Josh On, Schoenerwissen, Jared Tarbell u. a. für
die Anwendung der Software "Processing". Viele Beiträge
stellen Möglichkeiten "generativer Kunst" vor. Das Java-Programm
wurde von Benjamin Fry und Casey
Reas entwickelt, ist in der aktuellen
Version kostenlos erhältlich. Das am MIT (Media Lab, Aesthetics
and Computation Group, außerdem Interaction Design Institute Ivrea)
entwickelte "Processing" ist dank LGPL
(Library General Public Licence) offen für Anwendungen und Weiterentwicklung.
Nach Reas erleichtert
"Processing" die künstlerische Praxis, z. B. die Farbprogrammierung,
gegenüber C, C++, Java und Open GL. Außerdem eignet sich
"Processing" für Werke mit vielen simultan zu generierenden
Elementen und grösserem Rechenaufwand.
In OpenProcessing sind
die von TeilnehmerInnen eingestellten Beiträge und ihre Codes zu
sehen. Die Codes können im Java
Applet bearbeitet, als .pde-Datei gespeichert und die von ihnen
auslösbaren Generierungen beobachtet werden.
Rhizome forderte Mitglieder zu Beiträgen für den Wettbewerb
Tiny Sketch (Teil von
OpenProcessing) auf. Nach dem Einsendeschluß am 13. September
2009 wählten die Mitglieder von Rhizome bis 30. September eine(n)
GewinnerIn (Preisgeld 2000 USD). Der in Processing zu schreibende Code
von jedem Beitrag durfte 200 Zeichen nicht übersteigen.
In Workshops und Tutorials
im Netz werden auch TeilnehmerInnen, die keine Programmierkenntnisse
haben, in "Processing" eingeführt. Pogrammieranleitungen
in Buchform werden ebenfalls angeboten. Daniel Shiffman´s "Beginner´s
Guide" ist als Buch
und als Website publiziert
(6/2004, 10/2006, 9/2009).
- runme.org:
Das "software art repository" stellt Netzprojekte mit abladbaren
Systemen vor, darunter auch Tools für Eigenkreationen. Die Rubriken
werden durch einen Index und ein Hypertext-Schlagwortsystem erschlossen.
Rubriken wie bots
and agents und political
and activist software sind äußerst informativ. Die Plattform
enthält auch viele Links zu Projekten auf anderen Sites. Doch wurde
runme.org offensichtlich im Januar 2003 als Archiv angelegt, das Websites
programmierender Künstler überdauern soll. KünstlerInnen
wird die offene, aber moderierte Plattform als Möglichkeit für
Netzpräsentationen angeboten. Die besten der bis 1. März 2003
eingereichten, in runme.org abgespeicherten Projekte wurden in Read-me
2.3 in Helsinki (Universität für Kunst und Design, Media
Centre Lume, 30.-31.5.2003) vorgestellt. Auf den Konferenzen 2004
in Aarhus (read_me 2004,
Digital Aesthetics Research Center/University of Aarhus, Det Jyske Kunstakademi,
RUM 46, CAVI/Center for Davanced Visualization and Interaction, 23.-27.8.2004)
und 2005 in Dortmund (Readme 100,
HartwareMedienKunstVerein, Dortmund in der Dortmunder Stadt- und Landesbibliothek,
4.-5.11.2005). 2004 wurden im "Software Art Repository" ein
bis drei Projekte pro Kategorie (insgesamt 32 Projekte) vorgestellt.
2005 wurden zehn Beispiele ausführlicher vorgestellt (3/2003, 8/2003,
3/2007).
- Singlecell
und Doublecell:
"Doublecell" (2.12.2002) ist die zweite, konzeptuell modifizierte
Ausgabe von "Singlecell" (2001): Die beiden Plattformen von
Golan Levin stellen Projekte mit
Director, Flash und eigener Software (in C++, Java, Lingo und ActionScript)
vor. In "Singlecell" sind fast alle Projekte nicht mehrschichtig
(ohne Links zu mehreren Seiten) und die Werkfläche sind meist nicht
in Frames aufgeteilt: Die beim Öffnen der verschiedenen Beiträge
erscheinende Oberfläche bleibt die Grundlage aller abrufbaren Funktionen.
Präsentiert werden reaktive Animationen oder Movies, mit und ohne
Ton, in "Singlecell" aus amorphen und teils anthropomorphen
Formen. Hervorragendes Computational Design von Ed Burton, Danny Brown,
Peter Cho, Joshua Davis, Juha Huuskonen, Golan Levin, Lia, Casey Reas,
Jared Schiffman, Manny Tan, James Tindall, Martin Wattenberg und anderen
(3/2003).
- {Software}
Structures:
Casey Reas zeigt 2004 in seinem Projekt "{Software} Structures" auf
dem Artport-Portal zur Netzkunst
des Whitney Museums of American Art,
wie sich Sol LeWitts verbale Konzepte für "Wall Drawings"
als Anregungen einsetzen lassen, um visuelle Strukturen für Generative
Kunst zu finden. Die mit Processing,
Flash MX und C++ geschriebenen Codes ergeben unterschiedlich schnell
sich entwickelnde Monitorbilder. Der Quellcode wird separat als Text
präsentiert.
Reas stellt in einem Teil seines Projektes fünf drei statische
und zwei animierte Processing-Übersetzungen von drei "Wall
Drawings" LeWitts aus den siebziger und achtziger Jahren vor. Drei
weitere Beispiele (#001, #002, #003) entwickelte Reas aus verbalen Konzepten,
zu denen er sich von LeWitts Notationen für "Wall Drawings"
anregen liess: Verbale Konzepte arbeitete Reas als erste Entwicklungsstufe
aus, in der die Möglichkeiten und Schwierigkeiten der Programmierung
noch keine Rolle spielten. Auf das verbale Konzept folgten Ausführungskonzepte
in verschiedenen Programmiersprachen: Das dritte Beispiel (#003) wurde
von Reas, Robert Hodgin, William Ngan und Jared Tarbell mit Processing
modifiziert. Die Processing-"Implementation" wurde mit C++
(Casey Reas) und Flash MX (Jared Tarbell) rekonstruiert.
Da in Flash Programmcode mit hundert und mehr Elementen sehr langsam
läuft, wurden Varianten mit weniger Elementen entwickelt. Die Versionen
in C++ sind nur als abladbare und zu installierende Dateien verfügbar.
Die mit großem Aufwand in C++ programmierten Elemente entfalten
sich schneller als die Processing-Varianten (10/2006).
- Soundtoys:
Die von Steve Tanza Oktober 2001
gegründete Website stellt audiovisuelle Projekte vor. UserInnen
können die Visualisierung oder/und die Klänge durch Cursorbewegungen
und/oder Klicks und/oder Eingaben beeinflussen. Neben Spielen (z. B.
Steve Tanza, Peter Luining) werden digitale Klanginstrumente (z. B.
Ixi/Thor Magnusson und Enrike Hurtado, Chris Yewell) und nicht reaktive
Arbeiten (z. B. Tina LaPorta) vorgestellt. Tanza wandte die audiovisuellen
Möglichkeiten der Spielzeuge in einem Index an, der die Projekte
als verschiebbare Häuser auf einer Karte vorführt und die
Cursorbewegung über die Häuser mit Tonbegleitung ausstattet.
Dieser Index verschwand mit dem Re-Design der Site Februar 2006. Er
wurde unter anderem durch einen Tag
Navigator von Neil Jenkins (5/2013: nicht gefunden) und einen Content
Navigator von Adam Hoyle und Julian Baker (5/2013: alter Shockwave
Player) ersetzt. Stanza hat seinen Index in Inner
City (5/21013: nicht gefunden) wieder verwendet, jetzt mit Links
zu eigenen Werken.
Das Journal enthält
Beiträge über die Geschichte und das Theorie-Umfeld der Soundtoys.
Alle KünstlerInnen werden in Interviews vorgestellt, inklusive
KünstlerInnen wie
Amy Alexander, Jim Andrews, Corby & Baily, Golan Levin oder Adrian
Ward, zu deren Arbeiten auf anderen Sites Links führen. Da Konnektivität
bei diesen geschlossenen audiovisuellen Systemen keine Rolle spielt,
wird in den Interviews die Frage
des besseren Mediums zur Verbreitung CD-ROM oder Internet
thematisiert (3/2003, 6/2006, 5/2013).
- Translocations:
Das Walker Art Center in Minneapolis
begleitet die Ausstellung How
Latitudes become Forms (9.2.-4.5.2003) mit der Plattform "Translocations"
(Kurator Steve Dietz). KünstlerInnen aus Brasilien, China, Kroatien,
Indien, Japan, Mexiko, Singapur, Südafrika, Türkei und U.S.A.
erhielten Aufträge für neun Netzprojekte.
Fran Ilichs Webblog Big(b)Other
und Re:combos Translocal
Mixer ermöglichen Wort- und Tonkooperationen über weite
Distanzen. Beide Projekte führen bereits normale Netzpraxis in
Varianten vor, die an den Projektrahmen angepasst sind. In Translocal
Channel werden ein südafrikanisches Video-Archiv und Vortragsabende
zu Globalisierungsfragen sowie eine Diskussion über "Gobal
Curating" als Streaming Video vorgeführt und archiviert.
In diesen Reigen themenorientierter Veranstaltungen mit Netzerweiterungen
fügt sich Sawad Brooks´ und Warren Sacks Translation
Map nur scheinbar. UserInnen können Beiträge an Sites
schicken, von denen sie mit der Bitte um Übersetzung an Netzforen
weiter geschickt werden. (Betaversion
0.02). Die Idee, einen "collaborative re-writing process"
durch "a multi-protocol message delivery system" zu unterstützen,
hat wenig Aussichten auf eine erfolgreiche Realisation: Die Probleme
der Überwindung von Sprachbarrieren bleiben auch im Netz erhalten.
Raqs Opus (Open Platform
for Unlimited Signification) offeriert ein für Downloads offenes
Forum und knüpft damit an die Netzutopie der überall und für
alle verfügbaren Dateien und Software an (Außerdem in "Translocations":
Andreja Kuluncic´s Distributive
Justice: America: s. Lektion
13) (3/2003, 8/2003, 10/2009: Zugang zur Website mit dem Index der
Online-Projekte: "Forbidden[:] You don't have permission to access
/translocations/ on this server.").
- The Wartime Project:
Andrew Forbes reagierte im November
2002 auf die Szenarien eines amerikanischen Angriffs auf den Irak und
initiierte "The Wartime Project". Er rief Netzkünstler
zu Beiträgen auf, "um an das Grauen und an die Zerstörungskraft
eines Krieges zu erinnern." Die Website enthält bereits 133
Projekte (Dezember 2002 bis Februar 2004) und ist offen für
weitere Beiträge.
Ein Großteil der Projekte verwenden Spiel- oder Animationssoftware.
Die Werke illustrieren die Kriegswelt Bushs `überaffirmativ´
(z. B. lokiss
[März 2003, nicht wiedergefunden im August 2003]) oder parodieren
sie (entropy8zuper!,
Evgenij Vasilev [März
2003, nicht wiedergefunden im August 2003]). Andere Beiträge fallen
in den kritischen Bereich `Ästhetisierung der Politik´ (microbo
und bo130). Die Bewegung der Kriegsgegner wird in einigen Projekten
vorgestellt, um zu weiteren Aktionen zu motivieren (Ruth
Catlow). Einige Künstler nutzen die Möglichkeit, ihre
Werke auf dem Server des "Wartime Project" zu deponieren,
andere setzen Links zu kriegskritischen Projekten auf ihren Sites. Das
Projekt ist ein wichtiger Teil des Anti-War
Web Rings (3/2003, 8/2003, 2/2004, 10/2009: Site "zur Zeit"
nicht erreichbar).
- whitneybiennial.com:
Peter Lunenfeld
und Milton Manetas kamen in einem
Gespräch auf die Idee, zu prüfen, ob das Whitney
Museum of American Art alle URL-Adressen besitzt, die mit der Whitney
Biennale in Verbindung gebracht werden können. Da die URL-Adresse
www.whitneybiennial.com frei war, konnte die Idee einer Plattform als
Erweiterung der (und Alternative zur) Whitney
Biennial 2002 mit einem Domain-Namen konkretisiert werden, die die
Absicht erkennen lässt und für Hits sorgt.
Michael Rees schuf mit Turntable
ein Tool als Flash Application, für die 12
KünstlerInnen bis zu sechs Flash Movies aus anderen Animationen
remixt haben. Die Animationen können in "Turntable" mehrfach
abgerufen, modifiziert und verschieden plaziert werden. Manovich hat
in Generation Flash
1/3 (s.u.)
die Charakteristika von "Turntable" mit den Stichworten "Loop"
und "Sample" beschrieben und diese als Teil einer "remix
culture" vorgestellt. Außerdem enthält die Erstfassung
der Plattform ein bis fünf Flash-Animationen von 122
KünstlerInnen.
Zur Eröffnung der Whitney Biennial am 7.3.2002 sollten 23 Sattelschlepper
mit Monitoren für die Präsentation der Plattform vor dem Whitney
Museum of American Art vorfahren. Matthew Mirapaul kündigte diese
Alternativveranstaltung zur Eröffnungsgala am 4.3.2002 in der New
York Times an. Die Wartenden fanden keine Sattelschlepper, sondern wurden
von Whitneybiennial.com zu einer Party in Chelsea geladen.
Die Plattform ist nach der Whitney Biennial 2002 um eine zweite
Netzpräsentation erweitert worden, die in einer simulierten Ausstellung
über Hotspots hinter Bildern 22 Animationen und Spiele öffnet. Der Projektcharakter
der Plattform und ihre Offenheit für neue Initiativen wird gegen
das zeitlich begrenzte Kunstereignis der Biennale-Ausstellung ausgespielt
(2/2004).
Parallel zur Whitney
Biennial 2004 hat Mai Ueda
eine Linkliste aus 42
Thumbnails mit Screenshots (mit Links zu großen Screenshots, auf
denen die URL-Adressen der Homepages von Netzprojekten erkennbar sind)
als Werkauswahl im Sinne einer Gruppenausstellung erstellt. Im Vergleich
zu der Plattform als Erweiterung und gegen die Whitney Biennial 2002
ist Uedas Fortsetzung jedoch dürftig, da sie nicht mehr als ein
Netz-Feature mit Bildinformationen über eine Gruppe von Netzprojekten
ist (3/2004).
Beiträge zur Geschichte der NetArt:
- Adrian X, Robert: Art
and Telecommunication 1979-1986: The Pioneer Years.
In: Dietz. Steve (Hg.): Telematic Connections: The Virtual Embrace.
Walker Art Center. Minneapolis/Minnesota, February 2001. Deutsche Druckfassung:
Springer. Bd.I/Heft
1. April 1995, S.10f. Adrian X schildert Projekte von 1979 bis 1986
für und mit Telekommunikation, die in Österreich initiiert
wurden oder an denen Österreicher beteiligt waren. Die Wiener Filiale
von I.P. Sharp Associates Pty.Ltd. (IPSA, Zentrale in Toronto) lieferte
1980/81 mit ihrem Computer Timesharing Network die technische Infrastruktur.
Das Mailbox-Programm ARTBOX wurde von Gottfried Bach, dem Leiter der
Wiener IPSA-Filiale, für ARTEX entwickelt. ARTEX war eine "User-Group"
im IPSA-Netz. Ab 1983 wurde das weiter entwickelte Programm als ARTEX
(The Artists´ Electronic Exchange Program) bezeichnet. Bachs Programm
und die es anwendende "User-Group" mit ca. 30 Mitgliedern
trugen dieselbe Bezeichnung. ARTEX wurde zur Organisation und als Medium
von Projekten eingesetzt, darunter auch einige für Slow Scan TV
(SSTV), Telefaksimile (FAX) und Telefon. Adrian X stellt Bill Bartlett
als "wahre[n] Pionier der Low-Tech Künstler-Telekommunikation"
vor. Mit der "Vernetzung von PCs in BBSs [Bulletin Board Systems]
und dem Siegeszug des Fax und anderer Telefonperipherien in Büros
und Wohnzimmern" endeten die "Pionierzeiten" von Low-Tech
Telekommunikationsprojekten. ARTEX wurde nicht fortgesetzt, als IPSA
1991 von Reuters aufgekauft wurde (10/2006).
- Albert, Saul: Artware.
In: The Mute Issue 14/September 1999. Albert weist Linux als Idee aus,
die zur Maschine wurde, welche das Kunstwerk erstellt. Sol LeWitts "Paragraph"
"The idea becomes a machine that makes the art" (Artforum,
Summer 1967, S.80) verliert in der neuen Medienlandschaft die autoritäre
Anweiserfunktion einer unantastbaren Künstleridee, da das Konzept
des kollaborativen, für Weiterentwicklung offenen Open Source Projektes
als neue Idee eingesetzt wird: Linux gewann 1999 die Goldene
Nica in der .Net-Abteilung des Prix Ars Electronica (2/2004).
- Albert, Saul: Open
Source and Collective Art Practice.
(9/1999). Die Community Arts Bewegung der sechziger und siebziger Jahre
hatte nur regionale Reichweite. Die Community Radio Bewegung der achtziger
Jahre konnte die hierarchische Struktur der Ausstrahlung von Radiosendern
nicht ändern. Das Internet dagegen ermöglicht weltweite Kollaboration
und die weltweite Koordination von an vielen Orten auszuführenden
Aktionen.
Die Kollaboration an Open Source Software dient Albert als Modell für
Netzkollaborationen aller Art. Die Gemeinde der Software-Entwickler
besteht aus Interessierten, die keine Pressearbeit benötigen. Dagegen
bestand und besteht im Kunstbetrieb die "gift economy" aus
der Arbeit an der eigenen Verbreitung bzw. Bekanntheit (mittels Ausnutzung
des Medienechos von Galerie- und Museumsausstellungen), die Ausgaben
an Geld und Arbeitszeit erfordert.
Die Open Source Software-Gemeinde schafft durch die Angaben, welcher
Koautor sich wie an einem Projekt beteiligt hat, eine Struktur der Reputation:
Nicht der "Tod des Autors" (Roland Barthes), sondern dessen
Evaluierung sind für die Gemeinde der Interessierten entscheidend
(2/2004; 5/2013: nicht gefunden).
- Andrews, Jim:
Interactive Audio on the Web.
In: trAce Online Writing Centre: Review, The Nottingham Trent University,
Clifton/Nottingham, 22.9.2003. In diesem Überblick über interaktive
Audio-Projekte ist "Electrica" von 1999 (Gundula Markeffsky,
Peter Huehlfriedel, Leonard Schaumann) das früheste, noch für
den Beatnik Player geschaffene Beispiel. Andrews erläutert außerdem
Online Synthesizer. Die Linkliste enthält interaktive Audio-Netzprojekte
und Online-Sequenzer (sowie nicht interaktive und Offline-Audio-Projekte).
Einige Projekte verbinden die audielle mit einer visuellen Ebene, die
nicht nur audiellen Funktionen dient, sondern dem Projekt auch weitere
Elemente hinzufügt (2/2004).
- Arns, Inke: Die
Geburt der Netzkunst aus dem Geiste des Unfalls.
Anmerkungen zur Netzkunst in Europa 1993-2000. Vortrag, Ifa Galerie,
Berlin, 7.12.2000. Druckfassung: Kunstforum Bd.155/Juni-Juli 2001, S.236-242.
Die Slavistin stellt frühe Netzkunst "als erstes gesamteuropäisches
Phänomen nach dem Mauerfall" vor und betont die Integration
osteuropäischer KünstlerInnen (Cosic, Frelih, Lialina, Peljhan,
Shulgin, Stromajer) (3/2003).
- Arns, Inke: Soziale
Technologien. Dekonstruktion, Subversion und die Utopie einer demokratischen
Kommunikation.
In: Daniels, Dieter/Frieling, Rudolf (Hg.): Medienkunstnetz. Medienkunst
im Überblick: Gesellschaft. Goethe-Institut, München/ZKM Zentrum
für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe/Hochschule für
Graphik und Buchkunst, Leipzig 2004 (Website
und Buch "Medien Kunst Netz 1: Medienkunst im Überblick",
Wien 2004). Arns skizziert, wie KünstlerInnen aus alternativem
Mediengebrauch Grundlagen für die Bildung von Gegenöffentlichkeit
und aktivistische Strategien entwickelt haben. Die historischen Ausgangspunkte
sind die Cut-Up-Technik von Brion Gysin (mit William Burroughs, 1.10.1959)
sowie der alternative TV-Gebrauch von Nam June Paik und Wolf Vostell
Anfang der sechziger Jahre. Die Auseinandersetzung mit Möglichkeiten
der Zwei-Weg-Kommunikation, in der jeder Beobachter/Empfänger zum
Teilnehmer/Sender werden kann, führt in den sechziger und siebziger
Jahren zu (re- und) interaktiven Projekten für Aktionen (mit Closed-Circuits),
Installationen mit Closed-Circuits, Cable-TV und Internet. Strategien
des Video- und Medienaktivismus werden in den neunziger Jahren im Netzaktivismus
fortgeführt, modifiziert und um neue Möglichkeiten erweitert.
Arns skizziert in ihrer "Zusammenfassung" eine Dialektik von
post-utopischen und utopischen Ansätzen (2/2004).
- Arns, Inke: Soziale
Technologien. Formen des Widerstands in der elektronischen Öffentlichkeit.
Beitrag für die Abteilung "Soziale Technologien" des Jahresprojektes
"Die Offene Stadt: Anwendungsmodelle", Kokerei Zollverein,
Essen 2003. Hervorragende Einführung in Klassiker des Netzaktivismus.
Sites und Kommunikationssysteme von NetzaktivistInnen werden zum Teil
mit ihren wichtigsten Merkmalen (Heath Bunting, Critical Art Ensemble,
Electronic
Disturbance Theater, etoy/Toywar, Institute for Applied Autonomy,
www.0100101110101101.org,
Ubermorgen.com, Surveillance Camera Players), zum Teil ausführlicher
(RTMark, Makrolab, Textz.com) vorgestellt (2/2004).
- Baumgärtel, Tilman: Immaterialien.
Aus der Vor- und Frühgeschichte der Netzkunst.
In: Telepolis, 26.6.1997. Baumgärtel skizziert die Geschichte der
Telekommunikationskunst von László Moholy-Nagy bis zum
Beginn der Netzkunst (3/2003).
- Baumgärtel, Tilman: Das
Internet als imaginäres Museum.
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), Projektgruppe
"Kulturraum Internet", Berlin 1998. Baumgärtel stellt
die frühe Geschichte der Netzkunst vor. Wichtigste Stichpunkte:
"Kunst als Materialprüfungsamt", "Kontextsysteme",
"virtual communities" (3/2003).
- Berry, Josephine: The
Re-Dematerialisation of the Object and the Artist in Biopower.
(Kapitel 4 der Dissertation "The
Thematics of Site-Specific Art on the Net", Faculty of Arts,
University of Manchester 2001). In: Nettime, 5.2.2001. Berry entwirft
die Geschichte der Netzkunst als Weiterführung der Kritik an der
Vermarktung von Kunst, die Lucy Lippard 1972 im "Postface"
zu ihrem Buch "Six Years: The dematerialisation of the art object
from 1966 to 1972" vorstellte. Berry skizziert die frühe Netzkunst
als Fortsetzung der konzeptuellen Kritik des Warenstatus von Kunst und
entnimmt dem Buch Empire
von Michael Hardt und Antonio Negri Begriffe zur Beschreibung der heutigen
sozialen und ökonomischen Systeme. Berrys Thesen führten zu
einer regen Diskussion in der Mailing List Nettime, an der sich auch
Josephine
Bosma (mehrfach) und Tilman
Baumgärtel beteiligten (3/2003).
- Couey, Anna: Cyber
Art: The Art of Communication Systems.
In: Matrix News. Vol.1/Nr.4, July 1991. Cyberspace definiert Couey als
den "von Computern generierten Raum", in dem Menschen interagieren
können. Cyber Art setzt Netzwerke zwischen Rechnern als "operational
cyberspace" voraus. Cyber Art hat keinen materiellen Träger
und experimentiert mit Kommunikationsformen. Das "hierarchische
Kommunikationsmodell" der Westlichen Kunst und Massenmedien wird
in Projekten für und mit Telekommunikationssystemen von "öffentlicher
Teilnahme an kulturellen Aktivitäten" abgelöst. "Interaktivität"
beziehungsweise "reziproke und kollaborative Kommunikation"
wird als "wesentliches Merkmal" "telematischer Aktivität"
ausgewiesen.
Die ersten "Kommunikationsskulpturen" Ende der Siebziger Jahre
setzten Netzwerke mit Satelliten und "Slow Scan Television"
(SSTV) ein. Das bekannteste Projekt früher "Telekommunikationskunst"
ist "Hole in Space", das Kit Galloway und Sherrie Rabinowitz
1980 ausführten. ARTEX (ab 1980/81) wird als "erstes internationales
Computer Netzwerk von Künstlern" vorgestellt. 1986 folgte
Art Com Electronic Network (ACEN) als Mailbox im 1985 gegründeten
Bulletin Board System (BBS) WELL (Whole Earth Lectronic Link) (10/2006).
- Cramer, Florian: Exe.cut[up]able
Statements. Poetische Kalküle und Phantasmen des selbstausführenden
Texts.
Dissertation Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Freie
Universität Berlin 2006/München 2011. Florian Cramer konfrontiert
in seiner Dissertation über "Poetische Kalküle"
zwei Entwicklungen miteinander:
- Ableitungen von Worten aus Kombinationen weniger Grundeinheiten
werden im Kabbalismus des 16. und 17. Jahrhunderts als Ableitungen
aus universalen Gegebenheiten verstanden und theologisch begründet.
Cramer stellt Quirinus Kuhlmanns "XLI. Libes-kuß"
(Erstpublikation 1671 in "Himmlische Libes-küsse")
als "Summe der Proteusdichtung des 17. Jahrhunderts" (pdf
S.89/Buch S.87) vor und interpretiert das Gedicht auf mehr als 60
Seiten. Cramer zeigt, welche Vorläufer Kuhlmann in seine "Himmlichen
Libes-küsse" integriert und interpretiert dessen "Wechselrad"
als "Proteus-Versifikationsmaschine" (pdf S.130/Buch S.129),
aus deren "Permutationsalgorithmus" (pdf S.132/Buch S.131)
sich die Elementkombinationen des Weltalls (Kosmologie) ableiten
lassen: Die von Julius Caesar Scaliger 1561 nach dem sein Äußeres
wandelnden Gott Proteus genannte Dichtung (pdf S.69/Buch S.69) ist
theologisch geleitete "Wortpermutations-Poetik" (pdf S.82/Buch
S. 81).
- Aus den kosmologischen Ableitungen der Weltzusammenhänge
in der Proteusdichtung des 16. und 17. Jahrhunderts (s. 1.) werden
im 20. Jahrhundert Spekulationen über weltimmenente Zusammenhänge,
so zum Beispiel in der Pataphysik (pdf S.204f./Buch S.202f.). Cramer
zeigt, wo und wie sich in der Literatur des 20. Jahrhunderts Permutationen
und Rekursionen mit Spekulationen über Zusammenhänge in
der Welt treffen. Aus der kabbalistischen Ableitung des Mikrokosmos
aus dem Makrokosmos wird ein "Mikrokosmos des viralen Zeichens
[, der] in den Makrokosmos hinein wirkt..." (pdf S.285/Buch
S.280). An Mary-Anne Breezes Codepoetry "_Vivo.Logic Condition][ing]]1.1_"
(2001, pdf S.271f./Buch S.267f.) führt Cramer die Zusammenhänge
von Codierung, Sprache und Viren vor, die in William S. Burroughs
spekulativer Poetik der "Electronic Revolution" (pdf S.277/Buch
S.272) antizipiert wurden. Die Parallelen von biologischen Viren
und Computerviren führen zu einer "Poetik der Ansteckung",
"...der ansteckenden Wirkung sowie der Ansteckung bereits in
der Struktur der Sprache" (pdf S.285/Buch S.280).
Am Programm "POE" (1990) von Ferdinand Schmatz und Franz-Josef
Czernin zeigt Cramer, weshalb er computergenerierte Poesie als gescheitert
betrachtet. Den Rechenprozessen entspringt keine künstliche Intelligenz,
wie raffiniert auch immer sie programmiert sein mögen (pdf S.298ff./Buch
S.296): "Die Enttäuschung dieser Verheißungen führt
historisch zum wiederholten Zusammenbruch technozentrischer Kunstprogramme."
(pdf S.302/Buch S.298) Entweder wird Programmierung mit fantastischen
Erwartungen aufgeladen, oder Programme werden zu Elementen fantastischer
Vorstellungen: "Von Zaubersprüchen bis zu Computerprogrammcode
ist Schrift, die sich selbst vollzieht, sowohl Technik als auch Phantasma."
(pdf S.7/Buch S.9) (2/2013).
- Cramer, Florian: Words
Made Flesh. Code, Culture, Imagination.
In: Media Design Research, Piet Zwart Institute. Willem de Kooning Academy
Hogeschool Rotterdam. Rotterdam 2005. Cramer schreibt eine Geschichte
der Computation. Computation umfasst Kalkulation und Algorithmen in
der Sprache und im Einsatz von Technologie. Außerdem stellt Cramer
Wissen systematisierende Icons im Medium Buch als Vorläufer des
Graphical User Interface vor.
Religiöse und spekulative Systeme gliedern ihre Daten durch Bildsprachen
(Campanella, Johann Valentin Andreae, Jan Amos Comenius). Mystik, Weltwissen
oder die Beschaffenheit der Welt werden von Jüdischer und Christlicher
Kabbala, Raimundus Llullus und Llullismus (17. Jhdt.) als aus wenigen
Regeln generierbar vorgestellt. Formen der Permutation werden entwickelt,
die Formallogik antizipieren. Die Kalkulationssysteme und Hilfsmittel
zur Generierung von Algorithmen werden entweder mit analytischen Kriterien
von Semantik gereinigt (formale Syntax), oder sie bilden den Kern religiöser,
religiös inspirierter und spekulativer Denkweisen. Im Kapitel "Computation
as a Figure of Thought" werden die Charakteristika einer Geistesgeschichte
der Computation systematisiert.
In Permutationen der sechziger Jahre werden schon in der Wahl des Wortmaterials
unterschiedliche Absichten angezeigt: Brion Gysin erinnert mit "In
the Beginning Was The Word" an das bekannte Bibelzitat (Johannesevangelium
1,1) und provoziert durch ungewohnte Wortfolgen `Erleuchtung´
bzw. Möglichkeiten, Bedeutungspotentiale zu entdecken. Eugen Gomringer
dagegen führt seriell von Zeile zu Zeile in dem wiederholten Satz
kein
fehler im system eine Buchstabenverschiebung (das "f"
in "fehler") so vor, dass die Regel sich in der Ausführung
selbst ausweist und den scheinbaren Fehler wiederlegt. Mit dem Vergleich
von Gysin und Gomringer exemplifziert Cramer die Unterschiede zwischen
"semantischer" und "formalistischer" Programmierung
in der literarischen Neoavantgarde.
Die Hauptvertreter der Informationsästhetik, Max Bense und Abraham
Moles, wurden von der Situationisten angegriffen. An die situationistische
Aufwertung von Phänomenen und Quellen moderner Kunst, die in Benses
Informationsästhetik nicht integrierbar sind, knüpft die "generative
Psychogeographie" von Socialfiction.org an: Der romantische Flaneur,
nach Cramer der Vorläufer situationistischen Umherschweifens, wird
in ".walk", einem Algorithmus zur Wegfindung, wieder belebt.
Social Fictions Begriff des "Spekulativen Programmierens"
liefert Cramer das Motto zu seiner Kulturgeschichte der Computation.
Einer rational-konstruktiv ausgerichteten Programmierung von Literatur
im Sinne der Informationsästhetik (Theo Lutz, Reinhard Döhl)
hält Cramer die `poetischen´ Verfahren der Gruppe Oulipo
(Raymond Queneau, Georges Perec, Italo Calvino) entgegen und stellt
sie als Beispiele für Spekulatives Programmieren vor. Wie sich
algorithmische Zwänge kompensieren lassen, wird an Beispielen von
Mitgliedern der Gruppe Oulipo gezeigt. Cramer skizziert ihre literarischen
Verfahren, die den rationalen Rahmen durch die Art verlassen, wie sie
die Imagination des Lesers provozieren. Oulipo öffnet Spekulatives
Programmieren für Software Art, Netzkunst und Codepoetry: Mary-
Anne Breeze (MEZ), I/O/D, Netochka Nezvanova, Alan Sondheim und Adrian
Ward liefern Beispiele für dystopische Strategien, die Illusionen
über die Berechenbarkeit von Welt und ihre vollständige Rekonstruierbarkeit
durch Algorithmen zerstören.
Anders als in technisch ausgerichteten Medientheorien werden von Cramer
Spekulation und Imagination nicht als Nebeneffekte, sondern als Kern
der Computation vorgestellt (6/2006).
- Daniels, Dieter: Interaktion
versus Konsum. Massenmedien und Kunst von 1920 bis heute.
In: Stocker, Gerfried/Schöpf, Christine (Hg.): Ars Electronica
2004. Timeshift The World in Twenty-Five Years. Die Welt in 25
Jahren. Kat. Ausst. Ars Electronica Center Linz/Ostfildern 2004, S.153-159.
Dieter Daniels skizziert "die Entstehung des Radios aus dem Funk."
Als Funkgeräte selbst bauende Amateure mit der im Ersten Weltkrieg
forcierten technischen Entwicklung in der Lage waren, Sprache und Musik
auszustrahlen, richteten diese "kleine, regelmässige `Sendungen´"
ein. Während in Amerika der Rundfunk privat gefördert wurde,
um Abnehmer für die ab circa 1921 begonnene Radioproduktion zu
finden, finanzierten europäische Staaten Rundfunksender. Radio,
rein technisch für Projekte mit Teilnahme der Zuhörer einsetzbar,
wurde in den Zwanziger Jahren zum Sendemedium: Ein- statt Zwei-Weg-Kommunikation.
Bertolt Brecht hat in seiner Radiotheorie diese Nutzung als Ein-Weg-Medium
kritisiert und 1929 in seinem Hörspiel Der
Lindberghflug seinen Zuhörern eine Anleitung zum "singen,
sprechen, summen" "vor den Radioapparaten" gegeben. Als
die "Auftragskomposition für den deutschen Rundfunk"
nicht ausgeführt wurde, realisierte ihr Autor eine "szenische
Aufführung" und "placiert" den Rundfunk auf der
Seite der Bühne und "auf der anderen Seite den Hörer"
(Brecht).
An Hand des Bulletin Board Systems "The Thing" (ab 1991) und
der Internationalen
Stadt Berlin (1994 bis 1997) zeigt Daniels, wie KünstlerInnen
im Internet und Web partizipative Projekte realisierten, bevor die New
Economy Offenheit für Kollaboration in eine "Aktivierung des
Publikums durch...Mainstream-Medien" umwandelt, deren Entwicklung
von Investoren- und Werbeinteressen geleitet wird. Die vom Massachusetts
Institute of Technology (MIT) entwickelte HyperSoap
(ab 1998) dient Daniels als Beispiel für Product Placement, das
Zuschauerbeteiligung auf eine "direkte Bestelloption" reduziert.
Als künstlerische Reaktion auf die "Kommerzialisierung des
Netzes" stellt Daniels das Projekt "Public White Cube"
vor: Joachim Blank und Karl-Heinz Jeron, Mitbegründer der Internationalen
Stadt Berlin, versteigerten 2001 über e-Bay "das Recht zur
Veränderung" der [zum Projekt gehörenden] Ausstellung
und der Kunstwerke" und erzielten Angebote bis zu 200 DM. Diese
Vermarktung der Partizipation sei ein "post-utopisches Zeichen",
das an die Utopien zu Beginn des Internet erinnere (und aufzeigt, warum
diese nicht eingelöst wurden).
Daniels stellt in seinem Beitrag zum Katalog der Ars Electronica 2004
Forschungsergebnisse seines Buches "Kunst als Sendung. Von der
Telegrafie zum Internet" (München 2002) vor (3/2013).
- Daniels, Dieter: Reverse
Engineering Modernism with the Last Avant-Garde.
In: Daniels, Dieter/Reisinger, Gunther (Hg.): Netpioneers 1.0
Contextualising Early Net-based Art. Berlin und New York 2010, S.15-63.
Daniels unterscheidet zwischen Netzpionieren, die Internet-Plattformen
für verschiedenartige Projekte und Foren einrichteten, und Net
Art aus Projekten mit Werkcharakter, deren Urheber mit den Möglichkeiten
des Internet experimentierten. Die Internet-Plattformen offerierten
einen Internet-Zugang und Speicherplatz auf Servern. Außerdem
banden sie zwischen Teilnehmern an Projekten ein soziales Netzwerk.
Die von KünstlerInnen eingerichtete Plattform als Kommunikationsort
(The Thing, ab 1991; Public Netbase, ab 1994; Internationalen
Stadt Berlin, ab 1994) wurde von der Kommerzialisierung des Web
nach 1995 in Frage gestellt: Von Beteiligten betriebene Plattformen
verloren ihre Funktion als virtuelle Kommunikationsebene und als Anbieter
für billige oder kostenfreie Internetzugänge und Serverkapazitäten.
Mit der Etablierung von Providern, die kostenpflichtige Zugänge
und Serverkapazitäten immer billiger anbieten, verlagert sich ab
Mitte der neunziger Jahre die künstlerische Aktivität im Internet
von "Frameworks" (wie Daniels von KünstlerInnen eingerichtete
Internetplattformen nennt) zur "Net-based Art", die meist
selbstbezüglich die Möglichkeiten des Web (HTML für Browser)
auslotet. Die frühe Net Art ist nach Daniels in ihrer experimentellen
Ausrichtung zwar avantgardistisch, aber nicht mehr modern im Sinn einer
Autonomie des Ästhetischen und des "modern cult of the genius"
(S.52). Sie experimentiert mit Medienmöglichkeiten ("this
avant-garde principle of anticipation", S.32), hat aber nicht mehr
das Ziel der Internetplattformen, Kommunikationssysteme als "Temporary
Autonomous Zone" (S.29f.,55) und Alternative zu Massenmedien zu
etablieren: "The consequence...was a partial return to the notion
of an `artwork´." (S.30) Die Wiederaufnahme der selbstbezüglichen
Formanalyse der Moderne in "Net-based Art" bezeichnet Daniels
als "re-modernist" (S.56), während die Plattformen, die
von KünstlerInnen und an Projekten Beteiligten betrieben wurden,
bereits in der Alltagspraxis der Service Provider (S.30) des Web aufgingen,
bevor sie sich als modern hätten etablieren können (S.54f.).
Fragen der Netzbedingungen wurden und werden auf den Mailing Lists Rhizome
und Nettime erörtert (S.42). Dort werden von Künstlern auch
neue Projekte angekündigt, die meist auf eigenen Webseiten gespeichert
sind.
Daniels problematisiert die Ausrichtungen der mit und im Internet arbeitenden
KünstlerInnen zwischen Gene Youngbloods Begriff des "Metadesign"
(S.17f.) und Joseph Beuys´ Begriff der "sozialen Plastik"
(S.18). Youngblood zielt auf Entwurf und technische Realisation neuer,
Telekommunikation integrierender Kommunikationsmedien, während
Beuys mit der Überschneidung von der Expansion der Skulptur in
Prozesse aller Art mit dem Begriff der "Plastik" als Bezeichnung
für soziale Gebilde spielt: Konsequente künstlerische Praxis
stiftet zu sozialen Veränderungen an. Die Konzepte von Youngblood
und Beuys "are prototypical of the American and European concepts
of the relationship between technology and society...that constitute
Net-based art´s parental lineage." (S.18)
Neben The Thing als von KünstlerInnen eingerichtetes Bulletin Board
System liefert auch die von den KünstlerInnen Rena Tangens und
padeluun mitinstallierte "Bionic MailBox" (ab 1987, S.23f.)
ein Beispiel für "Metadesign", in dem durch die Praxis
mit neuen Techniken neue Kommunikationsmöglichkeiten geschaffen
werden.
Die Künstlergruppe etoy dagegen formiert sich als Gruppe, die Partizipation
von Nichtmitgliedern auf ihrer Website und in ihren Auftritten ausschließt
(S.37, dennoch war sie im "Toywar" auf einen Zusammenschluß
externer Teilnehmer angewiesen). Etoy und das Partizipation ausschließende
Künstlerduo Jodi liefern Daniels Beispiele für eine Netzkunst,
die Beuys´ soziale Praxis wieder an etablierte Vorstellungen von
künstlerischer Tätigkeit rückbindet (3/2013).
- Daskalova, Rossitza: The
Ground for Net.Art in the Former Eastern Block (Central and Eastern
Europe).
In: Le magazine électronique du CIAC/The CIAC´s Electronique
Art Magazine. Centre international d´art contemporain du Montréal,
Montréal, No.12/janvier-january 2001. Ein enzyklopädischer
Überblick über den Kontext (Institutionen, Stiftungen, Kontextsysteme,
Veranstaltungen) der Netzkunst in den Ländern des ehemaligen Ostblocks:
Informationen über die Aktivitäten des Soros Foundations Network
liefern Einsichten in die postkommunistischen Bedingungen von NetArt
(3/2003).
- Dreher, Thomas: Vernetzungskünst(l)e(r).
In: Gerbel, Karl/Weibel, Peter (Hg.): Mythos Information. Welcome to
the Wired World. @rs electronica 1995 (Brucknerhaus Linz). Wien 1995,
S.54-67. Geschichte der künstlerischen Medienkombinationen: von
der Vernetzung der Medien (Telephon, Radio, TV) in Netz-Werken zu Netzwerken
und ihren Folgen für etablierte Kunstdefinitionen (Supplement:
Literaturliste
des Kataloges AEF 95) (3/2003).
- Drucker, Johanna: Humanities
Approaches to Interface Theory.
In: Culture Machine. Generating Research in Cutlure and Theory. Vol.12/2011.
Erving Goffmans Rahmenanalyse (Frame Analysis. An Essay on the Organization
of Experience. London 1974) dient Drucker zur Vorstellung des menschlichen
Interface zur Welt entweder als eine Aktion des Wechsels der Positionen
in einer Umgebung (zu ihrer Beobachtung aus verschiedenen Blickwinkeln)
oder um Rechenprozesse an einem technischen Interface zu steuern. Kognitive
Prozesse widersprechen Verfahren, die Interfaces zur Welt(beobachtung)
und technische Interfaces (zu Maschinen wie z.B. Computern) als `Objekte´
rekonstruieren: Drucker ersetzt Reduktionen von Subjekten auf User durch
einen Diskurs über die Zusammenhänge zwischen Körper
und Kognition.
"Verkörperung" ("embodiment", S.8) stellt Drucker
als zweifache Konkretisation vor: als eine des Menschen als handelndes
Subjekt und als eine der Ausführung von Programmierung in maschinellen
Prozessen. "Web environments" (S.13f.) werden nicht nur für
vorprogrammierte Aufgaben eingesetzt, sondern "structuring principles"
(S.16) der über technische Interfaces manipulierbaren Programme
erleichtern "processes of frame jumping moving from one
cognitive frame to another" (S.9). Das wiederum ermöglicht
"repositioning ourselves as reader/viewers in the multimedia environment"
(S.9). Computerspiele, die dem Spieler die Wahl zwischen Ansichten der
Spielwelten aus verschiedenen Perspektiven lassen (Point of View/Point
of Action), liefern Drucker Anregungen, wie der "electronic space
(e-space)" gegliedert sein kann, um "interpretative activity"
(S.16) zu erleichtern: "We can borrow from the conventions of electronic
games and offer multiple views simultaneously." (S.17) (3/2013).
- Fauconnier, Sandra:
Web-specific art: het World Wide Web als artistiek medium.
Proefschrift kunstwetenschappen, Universiteit Gent 1997. Materialreiche
Einführung, wobei das dritte Kapitel mit einer relativ ausführlichen
Schilderung der Frühgeschichte der Netzkunst und das vierte Kapitel
mit seinem Versuch, die Probleme der frühen Netzkunst zu skizzieren
(Aktivismus, virtuelle Gemeinschaften, Interaktivität), es erleichtern,
den Stand der Geschichte der NetArt von 1997 zu erschliessen (auf holländisch)
(3/2003).
- Fritz, Darko: A
Brief Overview of Media Art in Croatia (since 1960s).
In: culturenet.ht. web protal to croatian culture. panorama: media art
2003. Die Geschichte kroatischer Medienkunst beginnt mit der Ausstellungsreihe
"Neue Tendenzen", die 1961 bis 1973 fünf Mal in der Galerie
Zeitgenössischer Kunst in Zagreb realisiert wurde. Von abstrakter
Malerei und mechanischer kinetischer Kunst verschoben sich bei den "Neuen
Tendenzen" die Schwerpunkte zu Computer- und Konzeptueller Kunst.
Fritz skizziert die weitere Entwicklung der Medienkunst mit Video, Computer
und Internet. Er charakterisiert die Projekte kurz und führt so
die Reichhaltigkeit kroatischer Medienkunst vor (2/2004).
- Hayles, N. Katherine: Electronic
Literature: What Is It?
In: Electronic Literature Organization. Vol. 1.0. 2007. Leicht modifizierte
Druckfassung: Hayles, N. Katherine: Electronic Literature. New Horizons
for the Literary. Notre Dame/Indiana 2008. Chapter 1, S.1-42. Ihre Einleitung
in elektronische Literatur schrieb N. Katherine Hayles für die
Plattform Electronic Literature Collection (s.o.).
Sie stellt "Formen elektronischer Literatur" wie "hypertext
fiction, network fiction, interactive fiction, locative narratives,
installation pieces, `codework´, generative art and Flash poem"
an Beispielen vor, von denen viele in der Electronic Literature Collection
enthalten sind.
Hayles skizziert dann Thesen wichtiger Interpreten elektronischer Literatur.
Den teilweise "extravagant claims" von George Landow und Jay
David Bolter stellt sie Espen J. Aarseths Einwände gegen die angebliche
Freiheit der LeserInnen beim Eruieren von Hypertext-Pfaden entgegen.
Behauptungen über Verbindungen zwischen "deconstruction and
electronic literature" haben Bolter und Landow in neueren Publikationen
überarbeitet.
Über Lev Manovichs Begriff des "transcoding" der
Übertragung von "ideas, artifacts, and presuppositions from
the `cultural layer´ to the computer layer´"
(Language of New Media, s.u.) leitet Hayles zu der von Florian Cramer
hervorgehobenen Bedeutung von Notation, Algorithmus und Code (Words
Made Flesh, s.o.). Die Problematik der Zusammenhänge von Software
und Hardware erweitert sie zu kulturellen Fragestellungen der Mediengeschichte
mit Friedrich A. Kittlers technisch ausgerichtetem Ansatz, dem sie Mark
Hansens "powerful arguments for the role of the embodied perceiver"
gegenüber stellt. An diesem Gegensatz zeigt Hayles die Notwendigkeit
auf, die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen des Mediengebrauchs
in Interpretationen von Computerkunst zu integrieren. Hintergrundwissen
und Thesen dazu liefern von Hayles empfohlene Bücher von Alan Liu,
Alexander Galloway (mit Eugene Thacker), Rita Raley und Adrian Mackenzie.
In ihrem Buch über "Electronic Literature" schreibt Hayles
in der im Kapitel "Contexts for Electronic Literature: The Body
and the Machine" weiter geführten Diskussion der Schriften
von Kittler und Hansen: "...media and cultural formations interact"
(S.119) in historischen Prozessen, und sie erwähnt einige Konsequenzen
für die "computational practice" der LeserInnen. Von
diesen Konsequenzen leitet Hayles in ihrem Buch zum Thema über,
"How Electronic Literature Revalues Computational Practice"
(10/2009).
- Heibach, Christiane: Oszillationen//Netzkunst/Netzliteratur.
Vortrag, Stadtbücherei Stuttgart, 10.10.2002. In: Auer, Johannes/Heibach,
Christiane/Suter, Beat (Hg.): netzliteratur.net_Netzliteratur // Internetliteratur
// Netzkunst 2002. Heibach skizziert die Rolle von Netzkunst in "Oszillationsprozessen"
der "Netzwerkgesellschaft". Netzprojekte gliedert sie nach
Kriterien der Produktions- (kooperativ, kollaborativ, dialogisch), Darstellungs-
und Medienästhetik (2/2004).
- Hillgärtner, Harald: Netzaktivismus
im Spannungsfeld von Kunst und Technik.
Magisterarbeit, Institut für Theater-, Film und Medienwissenschaft,
Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt a. M. 2001. Aus Problemen
der Geschichte des Internet entwickelt Hillgärtner Fragestellungen
des Netzaktivismus und analysiert vor diesem Hintergrund Jodi, etoy
und RTMark (mit Toywar) (3/2003).
- Hirschsteiner, Guido: Netzkunst
als Avantgarde.
Magisterarbeit, Institut für Deutsche Philologie, Ludwig-Maximilians-Universität,
München 2000. Eine Geschichte der Netzkunst, die Kriterien der
Webness (Kontextlosigkeit, Immaterialität, Interaktivität,
Selbstreferentialität) vorstellt. Hirschsteiner erörtert mit
einem systemtheoretischen Ansatz ("Subsystem Avantgarde")
sowohl medien- als auch kunst- wie literaturhistorisch relevante Aspekte
(3/2003).
- Idensen, Heiko: Intertext-Interaktion-Internet.
Kollaborative Schreibweisen virtuelle Text- und Theorie-Arbeit:
Schnittstellen für Interaktionen mit Texten im Netzwerk.
In: Auer, Johannes/Heibach, Christiane/Suter, Beat (Hg.): netzliteratur.net_Netzliteratur//Internetliteratur//Netzkunst
2000. Druckfassung: Gendolla, Peter/Schmitz, Norbert M./Schneider, Irmela/Spangenberg,
Peter M. (Hg.): Formen interaktiver Medienkunst. Frankfurt am Main 2001,
S.218-264. Idensen schreibt mit der Geschichte der "Lesemaschinen"
eine Geschichte der Projekte für Cross-Reading in Verweisungssystemen
(Raymond Roussel, Vannevar Bush, Ted Nelson). Die Beispiele für
Cross-Readings konstituieren die Vorgeschichte zu Mitschreibe-Projekten
wie The World´s
First Collaborative Sentence (Douglas Davis, ab Dezember 1994),
Assoziationsblaster
(Dragan Espenschied/Alvar C. H. Freude, seit 1999) und nic-las
(Joachim Maier/René Bauer, seit 1999) (2/2004).
- Kahnwald, Nina: Kunstbrowser.
Neue Strategien der Inszenierung von Informationsstrukturen.
Magisterarbeit, Theaterwissenschaft am Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften
der Freien Universität Berlin 2002. Druckfassung: Kahnwald, Nina:
Netzkunst als Medienkritik. Neue Strategien der Inszenierung von Informationsstrukturen.
München 2006. Die in Browsern wie Internet Explorer und Netscape
Communicator über die "Seitenmetapher" nach dem Vorbild
des Buchdrucks konventionalisierten Relationen zwischen Performativität
und Semiotik werden von Kunstbrowsern dis- und rekoordiniert. Statische
Präsentationen werden entweder durch alternative, Lesbarkeit auflösende
statische Präsentationen (Mark
Napier: Shredder, 1998, und Riot, 1999; Rolux: Internet Implorer,
1999) oder durch dynamische, transitorische Präsentationen (I/O/D:
Web
Stalker, 1997, Maciej Wisniewski: Netomat,
1999, exonemo: FragMental Storm, 2000/2002, Jodi: Wrongbrowser, 2001)
ersetzt.
Die dynamischen Visualisierungen lösen die "Seitenmetapher"
durch eine Inszenierung des Internetdatenstroms ab, die nach Kahnwald
mit Begriffen der Theatralität beschrieben werden kann. Die Relationen
zwischen Daten im Quellcode und ihren Visualisierungen sind technisch
arbiträr und eine Frage des "In-Szene-Setzen[s]".
Der Strom der Daten in Fernübertragung ist einerseits als technischer
Prozess und somit als etwas Anderes, als das im Browser Präsentierte,
rekonstruierbar. Andererseits sind technische Prozesse erst mittels
der Browser-Präsentation (und der Quellcode-Ansichten der Browser)
erkennbar.
Weil die den Datenablauf regelnden Funktionen nicht in Browsern repräsentier-
bzw. nicht in einem Abbildungsverhältnis darstellbar sind, ohne
wie in der konventionalisierten "Seitenmetapher"
den prozessualen Charakter aufzuheben, werden Datenströme in Kunstbrowsern
mit nicht-darstellenden Mitteln vorgeführt (2/2004).
- Magnusson, Thor: Processor
Art Currents in the Process Oriented Works of Generative and
Software Art.
Diss. Department of Comparative Literature and Modern Culture. University
of Copenhagen. August 2002. Der Autor rekonstruiert die Vorgeschichte
der "Processor Art". Die Geschichte der Software als geschriebene
Anweisung zur Generierung von Ausführungen beginnt vor der Entwicklung
computergestützter Kunst und begleitet sie: Marcel Duchamp, John
Cage, La Monte Young, Sol LeWitt u. a. Die Schwerpunkte seiner Untersuchung
von Projekten, die mit dem Mikroprozessor des Computers arbeiten, liegen
bei "Generative Art" und "Software Art". Magnusson
beschränkt sich auf Software "as a meta-artwork", die
Kunstwerke zu entwickeln erlaubt. Kap. 4.3.4 stellt die "Browser
Artists" I/O/D,
Jodi, Mark
Napier und Nullpointer vor (3/2003).
- Manovich, Lev: The
Language of New Media.
Druckfassung: Cambridge/Massachusetts 2001. Manovich resystematisiert
die Medienentwicklung von der Fotografie über den Film bis zum
Internet. Er erörtert die Aufteilung filmischer Medien in Brechungen
der digitalen Animation wie reaktive Installationen, Computerspiele,
Videoanimation, WebCam, Quicktime-Dateien etc. Manovich stellt Charakteristika
dieser Entwicklung mit Begriffen wie "Cultural Interfaces",
"Database", "Navigable Space" und "Cinegratography"
vor. Die Geschichte der Medien Malerei, Fotografie, Film etc. wird von
der Programmierung für digitale Rechenprozesse abgelöst, die
eine "Language of New Media" konstituieren. Deren fünf
Prinzipien sind: "numerical representation", "modularity",
"automation", "variability" und "transcoding".
"Transcoding" führt zu "cultural transcoding",
zur "Computerisierung der Kultur", und ändert deren "Kategorien
und Themen": "...the computer layer will affect the cultural
layer."
Einerseits löst Software die Mediengeschichte ab, andererseits
entwickelt Manovich diesen Prozess an Hand seines Leitmediums Film.
"The cultural layer of new media" wird rekonzeptualisiert:
Die Angleichung des "computer layer" an die Schnittstellen
der Geräte älterer Medien wird von "Hypermedia"
abgelöst, in denen "Algorithmus und Datenstruktur" getrennt
sind.
Rezensionen: Arns, Inke: Metonymical Mov(i)es. In: ArtMargins, June/July
2002. URL: http://www.artmargins.com/index.php/books/341-metonymical-movies
(5/6/2013); Hüser, Rembert: Der Vorspann zum Buch zum Film (2002).
In: IASLonline Rezensionen. URL: http://iasl.uni-muenchen.de/
rezensio/ liste/ hueser1.html (30.9.2006); Idensen, Heiko: Die Sprache
der neuen Medien lesen und schreiben? (2002) In: dichtung-digital. URL:
http://www.dichtung-digital.de/
2002/03-22-Idensen.htm (30.9.2006); netzliteratur.net. URL: http://www.netzliteratur.net/
idensen/ idensen_manovich.htm (30.9.2006); Truscello, Michael: The
Birth of Software Studies. Lev Manovich and Digital Materialism. In:
Film-Philosophy. Vol.7/No.55. December 2003. URL: http://www.film-philosophy.com/vol7-2003/n55truscello
(5/6/2013); Warner, William B.: Lev Manovich macht sich auf zur Überwindung
des Medienparadigmas. In: Telepolis, 22.12.2001. URL: http://www.heise.de/
tp/ r4/ artikel/11/ 11378/1.html (30.9.2006) (Wiederaufnahme, weil
die Netzfassung wieder zugänglich ist: 1.10.2006).
- Manovich, Lev: Deep
Remixability.
Media Design Research. Piet Zwart Institute. Willem de Kooning Academy
Hogeschool Rotterdam. Rotterdam, Herbst 2005-Frühjahr 2006. Manovich
beschreibt am Beispiel der Animationssoftware "After Effects"
(1993) den Wandel, der sich aus der Verfügbarkeit von Dateien verschiedener
Herkunft (Fotografie, Film, Video, Live Action, Typographie, Design)
in einem Frame ergibt. Die Möglichkeit, beliebig viele Elemente
in transparenten Schichten zu bearbeiten, ersetzt das Paradigma `reiner
Medien´ durch "ein neues Metamedium", das "nur
Hybrids erzeugt" und löst die Montage nebeneinander plazierter
Elemente ab: "remixability of previously separate media languages."
Der zweidimensionale Frame wird nach 2000 von dreidimensionalen Arbeitsgrundlagen
abgelöst (Beispiel: Flame). Ebenen werden dreidimensional in einem
Cartesianischen Raum angeordnet und können separat bearbeitet werden.
In "deep remixability" und in der "Figur der Inversion"
sieht Manovich den Kern eines Paradigmenwechsels von der Gutenberg-Galaxis
zum bewegten Bild (Motion Graphics). Die "modulare Medienkomposition"
erlaubt es, Elemente einzeln zu bearbeiten und ist objektorientiert:
"Die Raumdimension wurde so wichtig wie die Zeitdimension."
(10/2006)
- Manovich, Lev: Software
Takes Command. Version 11/20/2008.
Fassung ohne Endredaktion, mit Anmerkungen in Word, ohne Illustrationen.
Publikation der Software
Studies Initiative. University of California, San Diego (UCSD).
La Jolla 2008 (Druck: London 2013). Manovich vertieft sich in den ersten
vier Kapiteln (Part 1-2/Chapter 1-4) erneut in Fragen der "remixability"
und der "modularity", die er als Aspekte einer aus Kultur
entstandenen und sie zunehmend mehr durchdringenden sowie verändernden
Digitalisierung (Computer als "metamedium") vorstellt. Von
den Konzepten Alan Curtis Kays und einer Forschergruppe im Palo Alto
Research Center (Xerox) für Interfaces von Computern (Graphical
User Interfaces/GUI mit Windows), die auch Kinder bedienen können
und die mehr als nur Remediatisierungen sind, zur Software "After
Effects" (1993) für die Animation von Filmen auf erschwinglichen
Rechnern (Macs und ab 1997 PCs) differenziert Manovich ein Thema früherer
Beiträge aus: die Verbindung von Hardware für Jedermann (mit
PARC´s "Dynabook" als Vorläufer) und (Interfaces
für) Software, die vorher Unvorstellbares denk- und planbar macht.
In den letzten Kapiteln (Part 3/Chapter 5-6) thematisiert er die aktuelle
Neuordnung der Zusammenhänge zwischen "deep remixability"
und "modularity": Die Verfügbarkeit derselben Module
auf verschiedenen Geräten ("media mobility") führt
dazu, auf ASCII (American Standard Code for Information Interchange)
als geräteübergreifenden Standard zurückzugreifen. Im
Gegensatz zu dieser Rückkehr des Code werden Module zur Anpassung
von Websites (und in sie integrierten Elementen anderer Sites (Mashups))
an individuelle Wünsche der Leser- und TeilnehmerInnen weiter entwickelt
und miteinander kombiniert: Das führt zu Funktionsangeboten, die
LeserInnen zunehmend leichter mittels Interfaces über komplexere
Abläufe (und damit Quellcodes) verfügen lassen und
sie damit vom Code entfernt.
LeserInnen finden sich im stark gewachsenen und wachsenden Informationsangebot
des Internet durch modulare Hilfsmittel leichter zurecht. Manovich erkennt
in der "Demokratisierung" der Verfügbarkeit von Geräten
(Mobiltelefone, PDAs, Kameras etc.) und Software auch die Folgen der
Zusammenhänge zwischen Konsum und Kultur: Das Internet wird zum
Massenmedium und der/die VerbraucherIn mit eigenen Beiträgen zum/r
TeilnehmerIn an einer Kulturindustrie, die den "neuen Herausforderungen"
der "social media" folgt.
Diese Herausforderungen leiten professionelles Informationsdesign ebenso
wie die Beiträge von AmateurInnen. Manovich greift Michel de Certeaus
1980 in «L´invention du quotidien» (dt: "Kunst des
Handelns", Berlin 1988) getroffene Unterscheidung zwischen "Strategien"
und "Taktiken" auf, um den aktuellen Mediengebrauch skizzieren
zu können. De Certeau unterscheidet Strategien der Stadtplanung
von Taktiken der BewohnerInnen, sich in gebauter Umwelt zu bewegen.
Im aktuellen Informationsdesign, in der "modularity" für
den "remix" der TeilnehmerInnen, werden aus Strategien Taktiken.
PlattformbetreiberInnen und -designerInnen wandeln Strategien in Taktiken,
mit "modularity" den sich ständig verändernden Strategien
des "remix" der LeserInnen und TeilnehmerInnen entgegen zu
kommen. Die LeserInnen und ihre Strategien, Angebote miteinander zu
verbinden und Beiträge zu liefern, werden zum Maßstab des Informationsdesign
von Plattformen: "...the logic of tactics has now become the logic
of strategies." (S.268)
Diese Darstellung setzt voraus, dass in die Entwicklung von kombinierbaren
Soft- und Hardwaremodulen bereits Rekursionen zwischen Strategien und
Taktiken, Reaktionen von AnwenderInnen auf DesignerInnen/ProgrammiererInnen
und umgekehrt, eingegangen sind was Manovich exemplarisch in
den ersten vier Kapiteln aufzeigt: Nachdem ProgrammiererInnen mit als
Software realisierten Strategien, in deren Entwicklung. Vorstellungen
möglicher Taktiken der AnwenderInnen eingeflossen sind, neue Funktionen
bereitstellten, können die Software-EntwicklerInnen und PlattformbetreiberInnen
Taktiken zur Anpassung an AnwenderInnen entwickeln. AnwenderInnen entwickeln
aus Taktiken der Anpassung an angebotene Funktionen Strategien, sich
im Informationsangebot zu bewegen und die angebotenen Funktionen zu
verknüpfen.
Spannungen zwischen professionellen DesignerInnen/KünstlerInnen und
AmateurInnen, zwischen Strategien und Taktiken, tragen zu "the
dynamics of web culture" bei, in der "the world of professional
art has no license on creativity and innovation." (S.285) (2/2009).
- Medosch, Armin: Technological
Determinism in Media Art.
Sussex University, Interactive Digital Media, MA thesis paper, Oktober
2005. Ein "technologischer Determinismus" bestimmte die Medienkunst
bis 1995. Das Leitthema der Simulationswelten führte nicht zur
kritischen Thematisierung der technischen Voraussetzungen. Ein Diskurs
des Virtuellen und Digitalen wurde etabliert, der in Institutionen wie
der Ars Electronica in Linz oder dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie
in Karlsruhe (ZKM) einflußreich wurde. Dieser Diskurs wurde mit
postmodernen Theorien untermauert, wobei Medosch in seiner Darstellung
nicht zwischen medienorientierten Ansätzen von Paul Virilio sowie
Vilém Flusser und philosophisch ausgerichteter Dekonstruktion
der Moderne von Jacques Derrida, Gilles Deleuze und Jean-François
Lyotard unterscheidet. Die kritische Haltung von Jean Baudrillard gegenüber
Simulationswelten bleibt ausgeklammert.
Medosch äußert, ohne auf die Rezeption von Diskursen über
Moderne und Postmoderne im Kunstkontext einzugehen, dass im Diskurs
über Medienkunst die Kritik postmoderner Theorien an "ideologies
of dominance" nicht aufgenommen wurde: Hier hätte zum Beispiel
rekonstruiert werden können, wie Peter Weibel die Repräsentations-
und Herrschaftskritik postmoderner Theorien (Baudrillard, Flusser, Virilio)
in seine künstlerische Praxis (mit Videos und Computer), Theorien
und Publikationen integriert.
Mit Forschungsprojekten wie Artificial Intelligence (AI) und Artificial
Life (AL) steckte "Technoscience" die Erwartungen ab und konstituierte
ein "Techno-Imaginäres". Medosch markiert den Umschlag
ins ontologisch Digitale bei Roy Ascott, Paul Virilio und Peter Weibel:
Das Digitale wurde zur Grundlage alles Analogen und digital organisierte
Simulationswelten wurden zum Modell, Wirklichkeit zu erforschen. "Parallel
prozessierende Netzwerk Computer" (Weibel 1996) wurden als Modelle
menschlichen Denkens vorgeführt und Digitale Kunst führte
dieses Modell als Weltbild vor. Leider thematisiert Medosch nicht, wie
sehr sich der in das Zentrum seiner Kritik gerückte Peter Weibel
mit seinem an technischen Möglichkeiten ausgerichteten Mediendiskurs
(Die Beschleunigung der Bilder, Bern 1987) und mit seinen Ausstellungsprojekten
der Achtziger und frühen Neunziger Jahre von einem Kunstbetrieb
abzusetzen verstand, der auf das klassische statische Sammelobjekt fixiert
war. Weibel favorisierte und favorisiert den Projektstatus von die Zeitdimension
integrierenden reaktiven Systemen. Allerdings versteht Weibel unter
Projekt die Frage, wie weit sich ein Werk als Modell in einem wissenschaftlich
ausgerichteten Diskurs ausweisen lässt.
Die Medienpraxis in den neunziger Jahren führte zu einer Veränderung
der Bedeutung des Begriffs `Projekt´. Software-Entwicklungen als
und für Kunstprojekte wurden Bestandteile von Datenbanken für
Free Software und damit offen für weitere Entwicklungen: der technologische
Determinismus wird aufgelöst. Doch Medosch stellt die Ablösung
des technologischen Determinismus nicht auf diese Weise vor.
Dass noch die Durchsetzung des Internet mit dem Schlagwort "Datenhighway"
an technologischen Determinismus anschließt, erwähnt Medosch,
und setzt die Praxis von NetzkünstlerInnen und -aktivistInnen davon
ab. Wissen über und Umgang mit Technik ist nicht mehr elitär
und dienen nicht mehr der Gründung von Institutionen für Medienkunst
(Ars Electronica Center in Linz, Zentrum für Kunst und Medientechnologie
in Karlsruhe, NTT InterCommunication Center in Tokio), die mit ihrem
Programm und ihrer Praxis Kunst und Wissenschaft sponsorengerecht und
an Drittmittelwerbung angepasst verbinden. Medosch setzt hier die Free
Software Entwicklung zur Markierung der Überschreitung des technologischen
Determinismus ein.
Medosch kritisiert die Schlüsselrolle, die Lev Manovich in seiner
Fortschrittsgeschichte von russischen und deutschen experimentellen
Filmen der Zwanziger Jahre über Computerspiele zu Projekten für
Internet-Databases dem Hyperrealismus von digitalen Simulationswelten
gibt. Montage, Zentralperspektive und Multilinearität werden von
Manovich als im russischen Avantgardefilm antizipierte Eigenschaften
ausgewiesen, die in späteren, neue Technologie aufgreifenden Projekten
nur noch konsequent ausgebaut werden mussten. Der an Manovich exemplifizierte
Topos der Legitimation des Neuen durch das Alte und Etablierte wird
von Medosch im Rekurs auf Siegfried Zielinski (Archäologie der
Medien..., Hamburg 2002, S.11) kritisiert. Allerdings hatte Bazon Brock
die Sicht auf das Alte mit an neuer Kunst gewonnenen Beobachtungsweisen
bereits in den Achtziger Jahren gefordert. Brocks Konzept des "Kommunikationsdesign"
antizipiert Aspekte des Interactive Design und seiner Auslotung der
Medienmöglichkeiten im Hinblick auf neue Weisen der Verständigung
(Ästhetik gegen erzwungene Unmittelbarkeit, Köln 1986, S.102-108,
350-355, 365ff. u.a.).
Bei der Ausrichtung von Studiengängen für "Interactive
Design" geht es auch wieder um Fragen der (Selbst-)Institutionalisierung
alternativer Theorien, Technologien und Strategien: So viel zum Kontext,
in dem Medoschs Text entstand (6/2006).
- Möller, Klaus: Kunst
im Internet - Netzkunst, Untersuchungen zur ästhetischen Bildung.
Diplomarbeit, Fakultät Erziehungswissenschaften. Universität
Bielefeld 1999. Möller entwickelt Aspekte der Netzkunst (Interaktivität,
Prozessualität) vor dem Horizont ihrer Vorläufer: Aus der
Geschichte der Intermedia Art mit Aktionen, Konzepten und Telekommunikationsmedien
entwickelt er eine Vorgeschichte zur Rolle des Betrachters in NetArt.
Seinen rezeptionsästhetischen Ansatz (Basis: John Dewey) erläutert
er am Beispiel von Jodi (3/2003).
- Morse, Margaret: The
Poetics of Interactivity.
In: Switch Journal. Issue 18/2003 (gekürzt). Druckfassung: Malloy,
Judy (Hg.): Women, Art, and Technology. Cambridge/Massachusetts 2003,
S.16-33. Morse rekonstruiert Überschneidungen zwischen Partizipation
als Strategie gegen soziale Ungleichheit, Interface als technischer
Schnittstelle und "Intersubjektivität". Die Möglichkeiten
der Interaktion als Dialog mit einem abgeschlossenen Werk, einem technischen
System und Menschen werden an Hand verschiedener, sie provozierender
(inter-)medialer Präsentationsformen Performance, CD-ROM,
Internet aufgefächert. Die Webfassung enthält Morses
allgemeine Überlegungen zur Interaktion und verzichtet auf die
Erörterung von Beispielen, welche die wesentlich längere Druckfassung
im Abschnitt "Artists, Gender, and Metainteractive Art" (Women,
Art, and Technology, S.23-31) enthält (7/2009).
- Ries, Marc: Rendezvous.
The Discovery of Pure Sociality in Early Net Art.
In: Daniels, Dieter/Reisinger, Gunther (Hg.): Netpioneers 1.0
Contextualising Early Net-based Art. Berlin und New York 2010, S.65-79.
Marc Ries stellt das Postprinzip der Übertragung an Sender ins
Zentrum seiner Überlegungen über das Internet: Die Beziehung
zum Raum ist eine relationale zwischen Übertragungsarten sowie
eine der "permanent, distributive production of social structures",
weniger eine in "a closed box" (S.66).
Die Relation Schreibmaschine Postkarte führt Ries am Beispiel
von Marcel Duchamps «Rendez-vous du Dimanche 6 Février
1916 à 1h 3/4 heures après midi» ein und betont,
dass in der französischen Bedeutung von «rendezvous»
(S.67) "the act of moving, and of being moved" (S.67) Vorrang
hat, während die deutsche Bedeutung eine Verabredung meint: "place
and time are communicated" (S.67).
Der exterritoriale und öffentliche "postal non-place"
(S.67) findet mittels Telekommunikation und Satelliten seine Übertragungsform.
Kit Galloways und Sherrie Rabinowitzs "Hole-in-Space" und
die Konferenz "Artists Use of Telecommunications" stellen
1980 den Aspekt der Übertragung ins Zentrum künstlerischen
Handelns: "Telecommunication art involves the creation of relationships
without the production of concrete artworks." (S.72) Ries reflektiert
das Oszillieren dieser Medienexperimente zwischen konzeptueller, aktionistischer
und interventionistischer Kunst (S.72).
Ein gemeinsames Projekt entsteht: "...a political will to create
the conditions for a social space embracing the equality, participation,
and accessibility of and for potentially everyone via technology
that genuinely incorporated this communitary ideal." (S.72f.) Die
"Foren, Newsgroups und Mailing Lists" (S.74) von künstlerischen
Netzprojekten der achtziger und neunziger Jahre schaffen zwischen Beteiligten,
die sich kennen, "pure sociality" (S.74) im Sinne einer "self-referential,
self-reinforcing perception of others": "the social for its
own sake, unembedded in goals and actions." (S.74)
Im Laufe der neunziger Jahre, mit dem Ende der Bulletin Board Services
und dem Anfang des schnellen Wachsens der Webzugänge, werden daraus
Beziehungen, die das Plurale als "self-opening, as a movement `from
oneself to everyone else´" (S.76) praktizieren. Ries sieht
darin "a new concept of community" (S.76) (4/2013).
- Schally, Sabine: Netzkunst
reflektiert ihr Medium.
Diplomarbeit Publizistik. Universität Wien 2001 (Nur noch ohne
Abbildungen in The Internet Archive
Building). Schally skizziert kurz einen systemtheoretischen Ansatz
und stellt dann mit relativ ausführlichen Beschreibungen künstlerische
Projekte vor, die ihrer Ansicht nach medienreflexive Ansätze erkennen
lassen (3/2003).
- Seifert, Uwe: The
Co-Evolution of Humans and Machines. A Paradox of Interactivity.
In: Seifert, Uwe/Kim, Jin Hyun/Moore, Anthony (Hg.): Paradoxes of Interactivity.
Perspectives for Media Theory, Human-Computer Interaction and Artistic
Investigations. Bielefeld 2008, S.8-23. Seifert bietet eine Einführung
in Theorien der Interaktivität und hebt die Rolle der New Media
Art bei der Erforschung neuer Möglichkeiten für Human-Computer
Interaction (HCI) und Human-Roboter Interaction (HRI) hervor.
Gegenüber dem Menschen als Handelnden emanzipiert sich der Computer
vom passiven zum aktiven Gegenspieler: In "x acts upon y"
(Mario Bunge) werden Mensch und Computer in den Positionen x und y reversibel.
Computer sind nicht nur "patients", sondern auch "agents".
Der Computer reagiert auf Menschen und übernimmt als Reagierend-Agierender
die "agency", die auf Menschen einwirkt. Es entstehen "soziotechnische
Systeme". Hans Lenk und Jürgen Ropohl konzipieren die Mensch-Computer
Relation asymmetrisch, da Intentionalität und Zielsetzung keine
Eigenschaften von Rechnern sind. Die Actor-Network Theory konzipiert
die Relation in "socionics" jedoch symmetrisch (Bruno Latour).
In "intelligence augmentation" verschmelzen Mensch und Maschine
"that neither can do in its own" (David Harel). Zum "internal
model", das sich Menschen von ihren eigenen Fähigkeiten schaffen,
gehören nicht nur Raumwahrnehmung und Körperkoordination,
sondern auch die symbolische Interaktion in sozial vorcodiertem Umfeld.
Daraus ergibt sich eine "affordance" (James J. Gibson, Donald
Norman) aus von Medien provozierten Aktionsweisen (Angebotscharakter
von Objekten, Umgebungen und Computern), die Kognition und Körperkoordination
ermöglichen. Das zur "affordance" komplementäre
Konzept liefert "efficiency". Aus dem wirkungsvollen Einsatz
der Aktionsmöglichkeiten ergeben sich wiederum Perspektiven über
deren Erweiterbarkeit. Hier liefert New Media Art "test beds"
für neue Entwicklungen, wofür sie auch WissenschaftlerInnen
einsetzen.
"Mediality" steht für die medienbedingte Entwicklung
von Kultur: In Prozessen mit "interactants" wird das soziale
Umfeld mit seiner Prägung durch Vermittlungsformen, Vermittlungen
und Vermitteltem erzeugt, erhalten und verändert.
Nach Sherry Turkle erscheinen Menschen und Computer in diesem Prozess
in symmetrischen Relationen, "as partners". Edwin Hutchins´
Konzept der "cognitive artifacts" betont die Funktion der
Prozesse gegenüber Objekten beim Erzeugen kognitiver Wirkungen
und dem Erwerb neuer Fähigkeiten. Die Frage, wie "cognitive
artifacts" die sozialen Interaktionen von Menschen mit Maschinen
beeinflussen, wird zur entscheidenden Forschungsfrage, die auch zu Aufschlüssen
darüber führen kann, wie sich Menschen als "decentered
self" (Turkle) konzipieren in Reaktion auf und mit ihrem
medialen und sozialen Umfeld (8/2009).
- Simanowski, Roberto: The
Reader as Author as Figure as Text.
Vortrag, "p0es1s. Poetologie digitaler Texte", Symposium,
Universität Erfurt, Erfurt 27.9.2001. Modifizierte deutsch/englische
Druckfassung mit neuem Titel: "Tod des Autors? Tod des Lesers!/Death
of the Author? Death of the Reader!" In: Block, Friedrich W./Heibach,
Christiane/Wenz, Karin (Hg.): p0es1s. Ästhetik digitaler Poesie/The
Aesthetics of Digital Poetry. Ostfildern-Ruit 2004, S.79-91. Simanowski
lässt im Unterschied zu Robert Coover und George P. Landow
nicht den Autor, sondern den Leser <sterben>. Als Resultat
seiner prägnanten Bestimmungen der Rolle der KoautorInnen in drei
kollaborativen Mitschreibe-Projekten (Carola Heine: Beim Bäcker,
1996; Guido Grigat: 23:40, 1997; Dragan Espenschied/Alvar C. H. Freude:
Assoziationsblaster,
1999) resümiert Simanowski, dass der/die RezipientIn als LeserIn
in Mitschreibe-Projekten tot sei, aber als (Ko-)AutorIn lebendig, da
er/sie als am Schreibprozess Beteiligte(r) den Beiträgen eine erhöhte
Aufmerksamkeit widmen: Während die Beiträge von KoautorInnen
bei Nur-LeserInnen die Aufmerksamkeit wegen unterschiedlicher Qualität
strapazieren, ist der/die MitspielerIn als Beteiligte(r) in ein anregendes,
weil durch Aktion und Reaktion modifizierbares Spannungsfeld integriert
(2/2004).
- Stallabrass, Julian: The
Aesthetics of Net Art.
Vortrag, 61st Annual Meeting, American Society for Aesthetics, Westin
Saint Francis Hotel, San Francisco, 1.-4.10.2003. Druckfassung: Qui
Parle. Vol.14/No.1, Fall/Winter 2003-2004, S.49-72. Julian Stallabrass
skizziert den kunstkritischen Diskurs über Ästhetik und seine
Rolle im Kunstbetrieb des 20. Jahrhunderts. Er zeigt dann, wie Netzkunst
aus Bindungen an den Kunstkontext ausbricht: Netzkunst ersetzt das nicht
verlustfrei reproduzierbare Sammlerobjekt und seine Ausstellbarkeit
im Kunstkontext durch Webprojekte aus reproduzierbaren Elementen, die
sich häufig nicht selbst `als Kunst´ ausweisen. Normative
Kunstkritik wird durch einen Dialog über das, was Netzkunst sein
kann, in Netforen (Mailing Lists) wie Nettime
ersetzt. An diesem Dialog beteiligen sich vor allem KünstlerInnen.
Stallabrass erörtert zwei Werke von Alexei Shulgin (WWW
Art Medal, 1995-97; Form
Art, 1997) sowie Projekte der Künstlergruppe etoy
und die Plattform RTMark
für Netzaktivismus. Antoni Muntadas´ The
File Room (1994) sieht er als Fortsetzung des Index
01 (1972) von Art & Language. Während Letzterer den ehemaligen
Gruppendialog rekonstruierbar machen könnte, wenn die Karteikarten
in Ausstellungen zugänglich wären, ist die Database zensierter
Werke des "File Room" im Web nicht nur seit Mai 1994 zugänglich,
sondern offen für weitere Einträge. Im Unterschied zu "physical
databases" (pdf S.9) wie die Index-Systeme von Art & Language
trennt digitale Kunst zwischen Interface und Database: "In the
new media, the content of the work and the interface are separated;
a work in new media can be understood as the construction of an interface
to a database" (pdf S.9 mit Bezug auf Lev Manovich: The Language
of New Media, Cambridge/Mass. 2001, S.226f.).
Die Teilnehmer von "non-commercial collaboration" (pdf S.14)
an Netzprojekten setzen nicht nur diese Trennung digitaler Medien voraus,
sondern entwickeln auch ihre technischen Voraussetzungen in "the
free software movement" weiter. Aus "the aesthetic as an ideal
of self-realisation" des bürgerlichen Subjekts wird "the
networked subject more interested in exchanging bits and bytes
than pieces." (pdf S.14) Stallabrass erkennt darin mit Michael
Hardt und Antoni Negri "the potential for a kind of spontaneous
and elementary communism." (pdf S.14, Zitat Dies.: Empire,
Cambridge/Massachusetts 2000, S.294) (3/2013).
- Stallabrass, Julian: Can
Art History Digest Net Art?
In: Daniels, Dieter/Reisinger, Gunther (Hg.): Netpioneers 1.0
Contextualising Early Net-based Art. Berlin und New York 2010, S.165-179.
Julian Stallabrass zeigt sowohl, welche Barrieren zwischen Kunstgeschichte
und Netzkunst bestehen, als auch die Möglichkeiten, sie zu überwinden.
Stallabrass sieht eine Kunstkritik, die Grenzen der Kunst zu bestimmen
versucht, und die bis 2008 im Kunsthandel boomende Mainstream Art eng
miteinander verbunden, während Netzkunst sich solchen Abgrenzungen
entzieht und dabei auch die bei engagierter Kunst immer noch üblichen
Grenzziehungen in einem nicht mehr nur symbolisch agierenden Aktivismus
überschreitet. Dem Verkauf seltener Objekte an "the mega-rich"
(pdf S.172) stehen Werke aus beliebig vervielfältigbaren digitalen
Daten gegenüber, die frei zur Verfügung gestellt werden und
in ihrer Verbreitung nicht mehr kontrollierbar sind: "...online
art...appears not merely dissociated from the mainstream market for
contemporary art, but also dangerous to it." (pdf S.173)
Zu den Veränderungen, die Kunsthistoriker durch Neuorientierungen
und Methodenvielfalt in Interpretationen von Fotografien und Videos
bereits vollzogen und sich dabei Einflüssen von Interpreten aus
anderen Disziplinen stellten, kommen weitere Veränderungen, die
zu "a much more thorough demystification of the processes of the
making and viewing of art" (pdf S.178) führen können
(3/2013).
- Weiß, Matthias: Netzkunst.
Ihre Systematisierung und Auslegung anhand von Einzelbeispielen.
Dissertation Philosophische Fakultät, Albert-Ludwigs-Universität
Freiburg im Breisgau 2008/Weimar 2009. Matthias Weiß (heute: Matthias
Kampmann) will Netzkunst in das "System Kunst" integrieren.
Dieses System ist für Weiß offenbar ein Ideal der Kunstgeschichte,
während der Kunstbetrieb (Kunstkritik, Kunsthandel, Kunstmuseen
wenig Versuche unternahm, Netzkunst zu integrieren: Kunst, die gehandelt
und in Museen ausgestellt wird, und Netzkunst bleiben getrennte Bereiche.
Weiß folgt Niklas Luhmanns Versuchen, zwischen Kunst und Nicht-Kunst
eine Grenze zu bestimmen (pdf S.57,64ff.,212f./Buch S.102f.,116ff.,358f.)
nicht ohne Bemühungen, diese Grenze wiederum durch Erweiterungen
des Kunstbegriffs als verschiebbar auszuweisen. Auch Überschreitungen
und Grenzverwischungen zwischen Kunst und Nichtkunst wie der "Toywar"
zwischen der Künstlergruppe etoy und dem Spielwarenhersteller eToys
schlägt Weiß dem "System Kunst" zu.
Den Versuch des Spielwarenversenders eToys Inc., der Künstlergruppe
den Domainnamen etoy.com mit
juristischen Mitteln streitig zu machen, hat die Künstlergruppe
erfolgreich abgewehrt. Sie hat sich den Domainnamen auch nicht abkaufen
lassen. Die medienaktionistischen Mittel gegen eToys Inc. waren für
etoy die Voraussetzung für die Fortsetzung der künstlerischen
Arbeit an ihrer unter dem strittigen Domainnamen bekannten Website,
auf der dann auch der "Toywar" inszeniert wurde. Doch muss
die aktionistische Gesamtstrategie des "Toywar" von etoy und
ihren Unterstützern gegen eToys mit Weiß als Kunst verstanden
werden? Sein Versuch, dem "Toywar" den Status Kunst zuzusprechen,
überzeugt nicht.
An Henry Flynt´s Argumentation in Concept
Art (1963), dass Entwicklungen ursprünglich künstlerischer
Ansätze auch zu etwas führen können, was nicht mehr Kunst
genannt werden muss, schließt Weiß nicht an. Er rückt
die technischen Voraussetzungen Rechenprozesse, Codierung und
Telekommunikation in seinen Interpretationen einzelner Netzprojekte
ins Zentrum seiner Argumentation, womit er auch die Möglichkeit
gehabt hätte, Fragen zum Status Kunst so offen wie Henry Flynt
zu lassen. Weiß hätte den Browser Web
Stalker (1997) von I/O/D (Matthew Fuller, Colin Green, Simon Pope)
auch mit Matthew Fuller (1998 in "Means of Mutation") als
"not-just art" einordnen können. In seiner Zuordnung
des "Webstalkers" zum Kanon der Netzkunst erkennt Weiß
zwar den Doppelcharakter zwischen "Werkzeug-" und "Kunsthaftem"
(pdf S.140/Buch S.241), doch will er das "Werkzeughafte" über
das Performative ("Mittel der Inszenierung", pdf S.140/Buch
S.241) an das "System Kunst" anschließen. Dass dieses
Performative ein Problem des Designs aller Browser und nicht nur von
"Kunstbrowsern" ist, erwähnt Weiß nicht: Er entkommt
dem Problem der Rezipierbarkeit des "Web Stalker" sowohl als
alternativer Browser wie auch als "Kunstbrowser" nicht.
Weiß integriert die erwähnten Projekte in seine Einteilung
von Netzkunst in "Oberbegriffe". Mit dieser Einteilung stellt
Weiß Netzkunst als gegliedertes System vor, um es als Subsystem
in das "System Kunst" integrieren zu können (pdf S.64ff.,89,212f./Buch
S.116ff.,156,357ff.). Browserkunst, Generative Netzkunst, Aktivismus,
Mutuale Netzkunst, Konzeptuelle Netzkunst, Netzkunst-Installation und
Performative Netzkunst stellt er sowohl in Bestimmungen ihrer Charakteristika
als auch in Einzelinterpretationen vor.
Weiß geht in seiner Interpretation von Alexej Shulgins Form
Art (1997, als Beispiel für Browserkunst) ausführlich
auf den Quellcode ein. Weiß stellt die technischen Netzbedingungen
als Grundlage von Netzprojekten vor und setzt sie als Ausgangspunkt
zur Frage der Abgrenzung der Netzkunst von Nicht-Kunst ein.
Mit Richard Kriesches Telematischer
Skulptur 4 (1995) und Stelarcs Ping
Body (1996) wählt Weiß Beispiele, die vor ihm kein(e)
AutorIn zur Vorführung der Eigenschaften von Netzkunst heranzog.
Die genannten Werke von Kriesche und Stelarc wählt Weiß als
Beispiele für seine "Oberbegriffe" "Netzkunst-Installationen"
und "Performative Netzkunst". Die "Lücke" (pdf
S.213/Buch S.359) zwischen `als Kunst´ anerkannten Medienformen
und Netzkunst will Weiß unter Anderem mit Anschlüssen von
Kriesches Projekt an Expansionen der Skulptur und von Stelarcs Vorführung
an Performance Art schließen.
Weiß gibt seinem Kategoriensystem den Status vorläufig, für
Evolution offen. Weiß berücksichtigt zwar, dass der Wandel
der Netzkunst auch zu Netzbedingungen führen kann, an die sich
sein System nicht mehr anpassen lässt. Er zieht aber nicht die
Konsequenz, Netzkünste zuzulassen, die sich nicht notwendig zu
einem "System" zusammenschließen als ob Begriffe
wie "Hybrid Art" oder die Öffnung der Kunstgeschichte
zur Bild- und Medienwissenschaft nicht schon zeigen, dass in Untersuchungsmethoden
der Kunstgeschichte mit der Abgrenzung des eigenen Bereichs in der institutionalisierten
Auffächerung der Wissensfelder und Fakultäten relativ sorglos
umgegangen und eine Vielheit von Medienpraktiken untersucht wird, die
nicht notwendig ein Arbeitsfeld bilden müssen, das als (Teil des)
"System(s) Kunst" rekonstruierbar ist.
Übernahmen von Methoden aus anderen Bereichen führen zu Neueinschätzungen
des Investigationswürdigen, wobei Überschneidungen von Themen
mit Forschungsbereichen anderer Fächer (siehe Performance Art,
Fotografie und Film) das interdisziplinäre Wechselspiel nur fördern.
Das Projekt einer interdisziplinären Weiterentwicklung der Methoden
zur Auseinandersetzung mit jüngeren Entwicklungen ersetzt die Abwehr
jeder Gefährdung von Fachgrenzen. Mit der Entwicklung von Methoden
kann auf die Medien- und Fachgrenzen ständig auflösenden technischen
Entwicklungen und Verknüpfungen von Übertragungssystemen reagiert
werden. Dabei störende Fachgrenzen lassen sich überwinden.
(3/2013)
- Ziegler, Henning: The
Digital Outlaws. Hackers as Imagined Communities.
In: nmediac. The Journal of New Media Culture. Vol.1/Nr.2, Summer 2002.
Ziegler konfrontiert Hacker-Mythen (Beispiele: Film "Die Hard 2",
1990; Presseberichte zum "I love you"-Virus, 2000) mit dem
Selbstverständnis der Hacker und Cracker. Er rekonstruiert die
öffentliche Vorstellung von Hackern (mit Benedict Anderson) als
eine "imagined community". Die von Crackers verursachten Schäden
(und die Angst vor ihnen) werden (mit Julia Kristeva) als "the
`abject of dataspace´" und "the `abject´ of hacker
culture" interpretiert. Aus ihrem eigenen "Hacker/Cracker-Antagonismus"
soll der Hackerkultur "der Begriff des `ethischen Hackens´"
einen Ausweg bieten.
Hacktivism wird von Hackern nicht als Hacking aufgefasst, obwohl einige
Hackerstrategien verwendet werden. Kapitel V bietet eine kurze Geschichte
des Hacktivism (Electrohippies, Electronic Disturbance Theater, Billboard
Liberation Front) (2/2004).
- Ziegler, Henning: When
Hypertext became uncool. Notes on Power, Politics, and the Interface.
In: Dichtung-Digital, Nr.1/2003. Hypertext wurde in der ersten Hälfte
der neunziger Jahre "cool" und in der zweiten Hälfte
"uncool". Die Rhetorik des Abstiegs war dieselbe, die auch
zum Aufstieg verhalf. Das "graphical user interface" (GUI)
von Mac und PC sowie die Webbrowser Netscape Communicator und Internet
Explorer simulieren eine stabile Datenumgebung (an Stelle der real instabilen
Umgebung) und vereinfachen die Funktionsabrufe durch Icons für
Klicks an Stelle der schriftlichen Befehlseingabe. Das "Antimac-Interface"
(Don Gentner/Jakob Nielsen, 1995) ist als Gegenstück zu den Standard-Interfaces
noch Teil einer "imaginären Form", die "eine abwesende
sozialpolitische Wirklichkeit" (Louis Althusser) erkennen lässt:
Die Absicht der AnbieterInnen war, eine Masse der AnwenderInnen befriedigen
zu können, deren Vorstellungen vom Personal Computer mit den anwenderfreundlichen
pseudostabilen Interfaces erst geprägt werden sollten. Auch die
Möglichkeiten der Interface-Wahl wurden von AnwenderInnen durch
das begrenzte Angebot als Teil eines stabilen Zustands wahrgenommen.
Instabilität bietet ein Arbeitsfeld für Hypertext-KünstlerInnen
und -AnwenderInnen. Wenn jedoch ein(e) AutorIn Urheberschaft für
ein Projekt reklamiert, dann stellt er/sie es als (ab)geschlossen und
von Instabilität sowie KoautorInnen nicht mehr veränderbar
vor.
Die Links von Hypertext-Werken öffnen nicht zur Partizipation,
sondern führen begrenzte Wahlmöglichkeiten vor (Zieglers Beispiele:
Mark Amerika, Heath Bunting, Stuart Moulthorp). Vielleicht lässt
sich, meint Ziegler, mit Peer-to-Peer die Geschlossenheit und Zentralisierung
von Interface-Hypertext-Strukturen durch Dezentralisierung (bzw. zur
Peripherie verschobener Zentralisierung) auflösen (2/2004).
Texte über aktuelle Aspekte der NetArt:
- Adams, Randy: Paris
Connection. A project in critical media.
In: trAce. Online Writing Centre: Review, The Nottingham Trent University,
Clifton/Nottingham, 17.5.2003. Randy Adams interviewt Jim Andrews (per
e-Mail) über die Website Paris
Connection. Die von Andrews initiierte und mit KoautorInnen realisierte
Site stellt Pariser Künstler vor (Jean-Jacques Birgé, Nicolas
Clauss, Frédéric
Durieu, Jean-Luc Lamarque, Antoine Schmitt, Servovalve), die vorwiegend
mit Director (bzw. der Programmiersprache Lingo) arbeiten und sich kennen.
"Paris Connection" ist eine Koproduktion von vier Portalen,
die englische, französische, spanische und portugiesische Übersetzungen
der Beiträge anbieten. Die Beiträge führen in die Projekte
der Künstler ein. Andrews´ Interviews in "Paris Connection"
zeigen, wie er mit seinen Director-Kenntnissen die Pariser Künstler
zu teilweise überraschenden Aussagen provoziert.
Im Interview mit Adams bezeichnet Andrews eine Netzkritik als "critical
media", die sich intensiv mit Software und Netzbedingungen auseinandersetzt.
Er unterscheidet diese Netzkritik von "touristischen" Beiträgen,
die Autoren geschrieben haben, die sich nicht vorrangig mit "multimedia
net.art" beschäftigen (2/2004).
- Arns, Inke: Read_me,
run_me, execute_me: Some notes about software art.
Vortrag, Kuda.org Centre for New Media, Novi Sad, 9.4.2004. Arns unterscheidet
Software Art von Computerkunst der sechziger Jahre, computergestützten
reaktiven Installationen der neunziger Jahre und Generative Art. Software
Art lenkt die Aufmerksamkeit der RezipientInnen auf die Software bzw.
auf den Code im Kontext seines Gebrauchs: Software dient nicht mehr
nur als Mittel, das entweder in Computerkunst und reaktiven Installationen
als Teil der Black Box Computer behandelt wurde oder in Generative Art
als Notation zur digitalen Oberflächengenerierung gezeigt wird.
In einer von Software geprägten Medien- und Gerätelandschaft
verweist Software Art auf die Prozesse ihrer Konstruktion und Festlegung
durch ihre AnwenderInnen und/oder ihrer Abhängigkeit von anderen
Instanzen: Mit Software steht die Gesellschaft auf dem Prüfstand,
in der Digitalisierung zum Normalfall wurde. "Codierte Performativität"
bezeichnet nicht allein eine Eigenschaft des auch von Menschen lesbaren
Codes (vgl. "Codeworks"), sondern auch die durch das Recht
(als Code) geschaffenen Rahmenbedingungen und die etablierten Anwendungsweisen.
Diese sozialen Umstände thematisieren insert_coin
von Dragan Espenschied/Alvar Freude und walser.php
von "textz.com" (Sebastian Lütgert).
Arns differenziert hier ihre These vom illokutionären Charakter
des Quelltextes aus (Arns, Inke: Texte, die (sich) bewegen..., s. u.).
(6/2004; 5/2013: nicht gefunden).
- Arns, Inke: Texte,
die (sich) bewegen. Zur Performativität von Programmiercodes in
der Netzkunst.
Vortrag, "Kinetographien", Konferenz, Europäische Akademie,
Berlin, 25.10.2001. In: Arns, Inke/Goller, Mirjam/Strätling, Susanne/Witte,
Georg (Hg.): Kinetographien. Bielefeld S. 57-78. Text, der in Netzpräsentationen
in Bewegung (kinetisch) erscheint, führt Arns zu der Frage, was
die Oberflächen bzw. "Phänotexte" bewegt: der Quelltext
bzw. der "Genotext". Wer nur den Phänotext als performativ
betrachtet, missachtet den illokutionären Charakter des Genotextes.
Als Lesetext erlaubt der Quelltext, sich Funktionen, die er bewirken
kann, vorzustellen. Wie in einer Kommunikationsumgebung Gesprochenes
nicht vom Sprechakt,
also Sagen nicht vom Tun des Sagens getrennt werden kann, so kann der
maschinenlesbare Code nicht von dem Rechenprozess getrennt werden, den
er im Computer auslöst: Was Quellcode besagt und "ohne zeitlichen
Aufschub" bewirkt, ist mit Sprechakten vergleichbar.
Software Art und "Codeworks" (Alan
Sondheim) liefern nach Arns Einsichten in die in Programmiercodes
angelegte Performativität.
Wenn funktionale, im Quellcode angelegte Grenzen Einschränkungen
reproduzieren, die das Gesetz bzw. der juristische Code schafft, dann
liegt "codierte Performativität" vor (2/2004).
- Arns, Inke: Transparent
World. Minoritarian Tactics in the Age of Transparency.
In: Andersen, Christian Ulrik/Pold, Søren Pro (Hg.): Interface
Criticism. Aesthetics Beyond Buttons. Aarhus 2011, S.253-276. Inke Arns
verbindet die Transparenz, die Architekten der Moderne bis in die sechziger
Jahre als verpflichtendes Programm betrachteten, mit Michel Foucaults
Analyse der "Disziplinargesellschaft" und dem Übergang
zur "Kontrollgesellschaft", den Gilles Deleuze als nächsten
Schritt in der Entwicklung von "Dispositiven der Macht" vorstellte.
Gebaute Transparenz erlaubt soziale Kontrolle durch Einsicht.
Mit der Digitalisierung ändert sich die Funktion der Transparenz:
Transparenz erleichtert es, sich auf grafischen Oberflächen zu
bewegen, ohne von darunter liegenden Funktionsebenen gestört zu
werden: Die `Gefahr´, dass AnwenderInnen mit Code in Berührung
kommen, ist gebannt. Sollen dennoch Funktionsebenen wieder sichtbar
werden, dann muss die Anwenderebene `opak´ werden. Der vom Prozessor
in Rechenprozesse umgesetzte Code ("coded performativity"
nach Reinhold Grether) und Visualisierung bedingen sich nicht mehr gegenseitig,
sondern schließen sich aus, denn wenn eine Ebene transparent ist,
dann ist das durch Intransparenz einer anderen Ebene möglich: "In
the age of transparency we find ourselves dealing with a fundamental
de-coupling of visibility and performativity/effectivity." (S.261)
Was für die/den AnwenderIn transparent ist, setzt Funktionsebenen
voraus, die sie/er nur auf Kosten der Transparenz kontrollieren kann:
"The age of transparency is distinguished by the decoupling of
(panoptical) visibility and (post-optical) performativity." (S.273)
Arns stellt bis 2007 entstandene Projekte von Camera Surveillance Players,
Bureau d´Etudes, Dragan Espenschied und Alvar Freude, Annina Rüst
und Local Area Network, Michelle Teran, Trevor Paglen und The Institute
for Applied Autonomy, Manu Luksch u. a. vor, welche versteckte Kontrollfunktionen
entweder ad absurdum führen (1) oder aufzeigen (2): zwei Arten
des `Vorführens´ vor den Kontrollierenden (1) oder für
die Kontrollierten (2).
Nach Arns treten im "age of transparency" die panoptische
Überwachung der "Disziplinargesellschaft" und die postoptische
"Performativität", gesteuert von im Hintergrund arbeitender
Software, auseinander: Transparenz und Kontrolle sind keine Komplemente
mehr (3/2013).
- Biggs, Simon: Transculturation,
Transliteracy and Generative Poetics.
Vortrag, "European Electronic Literature Conference", University
of Bergen, Bergen, 12.9.2008. Sprache besteht nicht nur aus Sprechakten
und Text: "Language has always included the visual, aural and tactile."
Biggs stellt Konzepte der "transculturation" (Fernando Ortiz),
pluriliteracy (Ofelia Garcia/Lesley Bartlett/JoAnne Kleifgen) und der transliteracy
(Sue Thomas/Chris Joseph/Jess Laccetti/Bruce Mason/Simon Mills/Simon
Perrill/Kate Pullinger) vor, die Relationen zwischen verschiedenen medialen
Gebräuchen und kulturellen Breichen thematisieren.
Als Modell dieser "dynamic processes of signification" erörtert
Biggs Translation
(2005) von John Cayley. Mit audiellen und graphischen Mitteln thematisiert
Cayley Übergänge zwischen sprachlichen Zuständen. Transformationen
eines Textes von Walter Benjamin, der dieses Verwandlungsproblem expliziert,
führt Cayley in Generierungen zwischen Übersetzungen vor:
Der Text in einer Sprache erscheint nur als Passage zwischen Generierungsphasen:
"...he conflates the technical with the cultural..."
Mit Terry Winograd stellt Biggs den Computer als Sprach-, nicht als
Denkmaschine vor: "The very notion of `symbol system´ is
inherently linguistic...a form of verbal argument." (Zitat Winograd
1991) Cayley führt in "Translation" einerseits die sprachinternen
Strukturen kontextunabhängig vor und verweist andererseits mit
der Instabilität der Generierungen auf die Kontextabhängigkeit
von Bedeutung. Diese Kontextabhängigkeit ist jedoch nicht starr,
sondern dynamisch: "...these dynamic processes of signification."
Sprache ist "computational" und Kultur kann, wie Sprache,
als "a network of constantly regenerating relations" verstanden
werden. Technologie ist also "the material manifestation of the
social" (7/2009).
- Breeze, Maryanne: The
Sound of Reality Lag: Versionals are the New Black.
In: Furtherfield Review, 7.8.2007. Plattformen des Web 2.0 wie MySpace,
Facebook, Flickr, YouTube, Twitter u.a. ersetzen "ego-mediated
variables" durch "actuated identity markers". Die Menge
dieser Markers, ihre Verbreitung und die Verbindungen mit wie zwischen
ihnen sind für "versionals" entscheidend, nicht Freundschaft.
Aus privaten Daten wird "open-ended versional noise". Das
Verhältnis zur Wirklichkeit wird vom "versional effect"
infiziert (7/2009).
- Cayley, John: The
Code is not the Text (unless it is the Text).
Vortrag, "p0es1s. Poetologie digitaler Texte", Symposium,
Universität Erfurt, Erfurt, 28.9.2001. In: Electronic Book Review.
Vol.3, 10.9.2002/25.5.2003. Modifizierte, kürzere deutsch/englische
Druckfassung in: Block, Friedrich W./Heibach, Christiane/Wenz, Karin
(Hg.): p0es1s. Ästhetik digitaler Poesie/The Aesthetics of Digital
Poetry. Ostfildern-Ruit 2004, S.287-306. Der Code sollte maschinenlesbar
sein, andernfalls dienen Codeformen als Anregungen für experimentelle
Texte, wie in "Codeworks" von MEZ/Mary Anne Breeze und Talan
Memmott: "The code has ceased to function as code." Leider
entwickeln MEZ und Memmott beim Schreiben von Codeworks kein "Code
Pidgin English".
Die Künstlergruppe Jodi arbeitet mit Code, in den nicht maschinenlesbarer
Text integriert ist: "code-as-text". Cayley präsentiert
sein Codework "Pressing the `Reveal Code´ Key" als Beispiel
für einen maschinenlesbaren Code (in HyperTalk), der zugleich als
lesbarer Text seine "ludischen" Qualitäten hat: "...this
code is the text." Auch als lesbarer Text führt das Werk zugleich
seine Mschinenlesbarkeit vor: "logic-as-literature in new media".
Dass Texte bereits "compiled, decompiled, recompiled" sind,
kann eine "literature constituted by flickering signification"
umsetzen. "Flickering signifiers" (N. Katherine Hayles) springen
zwischen unterschiedlichen digitalen Umgebungen und Ebenen. Grundlage
dieser Strategie ist, dass Code und Text zwei Ebenen bilden: "The
code is not the text." (vgl. dagegen Cramer, Florian: Digital Code
and Literary Text, s. u.) Für Cayleys eigenes Beispiel gilt die
im Titel der Netzfassung angegebene Erweiterung: "The code is not
the text (unless it is the text)" (2/2004).
- Cox, Geoff: Virtual
Suicide as Decisive Political Act.
Vortrag, Konferenz "Activist Media and Biopolitics", Universität
Innsbruck, November 2010. In: Sützl, Wolfgang/Hug, Theo (Hg.):
Activist Media and Biopolitics. Critical Media Interventions in the
Age of Biopower. Institut für psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung.
Universität Innsbruck. Innsbruck 2012, S.103-116. Geoff Cox erwähnt
politisch motivierten Selbstmord und seine Thematisierung in Computer
Games, bevor er "virtuellen Selbstmord" in Sozialen Medien
als taktisches Mittel vorstellt.
Wafaa Bilal führt in A
Virtual Jihadi (2008) die Situation der Iraker zwischen amerikanischen
Besatzern und fundamentalistischem Terror in einem modifizierten Spiel
vor. Aus den First Person Shootern "Quest for Al-Qua'eda: The Hunt
of Bin-Laden" (2002) und "Quest for Saddam" (2003) von
Petrilla Entertainment wurde das fundamentalistische Spiel "The
Night of Bush Capturing" (Global Islamic Media Front, 2006) entwickelt,
in dem nicht mehr Osama Bin-Laden oder Saddam Hussein, sondern George
W. Bush verfolgt wird. Bilal greift die Programmierung von "Quest
for Saddam", die auch in "The Night of Bush Capturing"
verwendet wurde, auf und gibt dem letzterem Spiel entlehntem Selbstmord-Attentäter
sein Äußeres. Die Widersprüche zwischen den "extreme
fantasies of islamophobia and islamophilia" (pdf S.2/Buch S.104)
thematisiert Bilals Variante, was Cox mit einem Zitat des Künstlers
statt mit einer Spielanalyse belegt.
Cox stellt das Spiel mit Franco Berardi in den gesellschaftlichen Rahmen
des "mechanism of control over the imaginary", wobei Selbstmord
die "pathology of the psycho-social system" (Berardi: Precarious
Rhapsody... London 2009, S.55; pdf S.1/Buch S.103) anzeigt.
Selbstmord als Spielziel, um sich Arbeit zu entziehen, offeriert Five
Minutes to Kill (Yourself), ein Online Game von Adult Swim (2009).
Der/die den Avatar steuernde SpielerIn gewinnt, wenn es ihr/ihm gelingt,
sich so schnell wie möglich einen tödlichen Schlag versetzen
zu lassen, um der öden Büroarbeit zu entrinnen. Cox sieht
eine Parallele zwischen der Gewalt im Spiel und "the symbolic violence
of the capitalist workplace" (pdf S.4/Buch S.106). Ich sehe eher
ein vor den Herausforderungen zeitgenössischer Arbeitssituationen
kapitulierendes, aber unterhaltsames Spiel, das auf den täglichen
Kleinkrieg mit der Parodie reagiert, seine latente Gewalt zu provozieren
und sich ihr auszusetzen.
Von Olga Goriunovas Suicide
Letter Wizard for Microsoft Word (2000) als Mittel, Selbstmord anzuzeigen,
leitet Cox über eine Diskussion von Tactical Media zum "virtual
suicide" in Sozialen Medien. Die "cycles of struggle"
werden im "current neoliberal regime" zum willkommenen "motor
for its own development" (Mario Tronti: The Strategy of Refusal
1965; pdf S.5/Buch S.108). Wenn aber Facebook moddr mit juristischen
Schritten droht, da deren Web 2.0
Suicide Machine (2009) mit ihrem Angebot zur Ausführung von
"unfriending" zu einer Verletzung der Rechte führe, die
sich die Plattform beim Registrieren von jeder/m TeilnehmerIn übertragen
lässt, dann ist die Grenze zwischen integrierbarem und nicht mehr
integrierbaren Widerstand überschritten: Die Gegenwehr derer, die
nicht mehr für die Plattform Facebook arbeiten wollen, bedroht
nicht nur deren Geschäftsmodell direkt durch eine Reduktion des
für Werbeeinnahmen nötigen Datenverkehrs, sondern provoziert
auch die Plattformbetreiber zu juristischen Aktionen, welche die Toleranzgrenze
markieren sollen. Nach Cox folgt Facebook hier der "logic of governmentality",
wie sie Michel Foucault in seiner Analyse der Überführung
der regulatorischen Funktionen des Staates in Marktbedingungen kritisierte
(pdf S.3,6/Buch S.105,109). Das "virtual suicide"-Projekt
Seppukoo von Les Liens Invisibles
(2009) wird von einem seiner Autoren als "`viral´" und
als "a sort of involuntary form of strike" (pdf S.8) ausgewiesen:
Einzelaktionen des "unfriending" werden durch "the mechanism
of viral invitations" auf die Stufe der "collective stage"
(Guy McMusker; pdf S.8/Buch S.110) gehoben (4/2013).
- Cox, Geoff/McLean, Alex/Ward, Adrian: The
Aesthetics of Generative Code.
Vortrag, "Generative Art 2000: 3rd International Conference on
Generative Art", Politecnico di Milano, Mailand, 14.-16.12.2000.
Verwendungen von Perl in nicht maschinenlesbarem Text (Perl Poetry)
lehnen Cox/McLean/Ward ab. McLean und Ward führen Beispiele für
einen Code vor, der je nach Computer verschiedene Ausführungen
verursacht. Dies erschwert den ästhetischen Diskurs über Relationen
zwischen Programm/Konzept/Text und Ausführung in einer Weise, welche
die Autoren mit Beziehungen zwischen Gedichttext und Gedichtvortrag
vergleichen.
Die Beispiele von McLean und Ward liefern in der Ausführung "Wasserzeichen"
des verwendeten Prozessors und Rechensystems. Die je nach Prozessor
variierenden Bezüge von Programm und Ausführung sollen die
Qualitäten des Codes aufzeigen und umgekehrt: Codes sollen
als Modellfälle verwendbar sein, um Charakteristika der Monitorpräsentationen
generierenden Rechenprozesse eruieren zu können (2/2004).
- Cramer, Florian: Animals
that Belong to the Emperor. Failing Universal Classification Schemes
from Aristotle to the Semantic Web.
Vortrag, Forum on Quaero, A Public Think Tank on the Politics of the
Search Engine, Jan van Eyck Academie Maastricht, 30.9.2007. In: Nettime,
19.12.2007. Cramer kritisiert Projekte (Theseus, Quaero) des Semantic
Web, die unter dem Begriff "Ontologie" eine der vielen Kategorisierungen
des Wissens ("Kosmologie") als die einzige Grundlage zukünftiger
Datenverarbeitung mit "semantic tags" anbieten: "Beyond
cosmology falsely named ontology, it is metaphysics disguised as physics."
Wie sehr Projekte des Semantic Web auch vorgeben, Menschen im Umgang
mit Bedeutungen ("semantics") und Bezügen auf Sachverhalte
(Ontologie) durch Software ersetzen zu könen, Computer bleiben
"syntactical machines", die Eingaben nach programmierter Verarbeitungsweise,
weder aber Ontologien noch die Welt der Wort- und Satzbedeutungen, verarbeiten:
Die "culturally and folksonomic ways" der Dateneingabe und
-verarbeitung lassen sich nicht überspringen (7/2009).
- Cramer, Florian: Digital
Code and Literary Text.
Vortrag, "p0es1s. Poetologie digitaler Texte", Symposium,
Universität Erfurt, Erfurt, 27.9.2001. Modifizierte deutsch/englische
Druckfassung in: Block, Friedrich W./Heibach, Christiane/Wenz, Karin
(Hg.): p0es1s. Ästhetik digitaler Poesie/The Aesthetics of Digital
Poetry. Ostfildern-Ruit 2004, S.263-276. In explizitem Gegensatz zu
John Cayley (s.o.) interessiert sich Cramer für Software als Text,
also für nicht maschinenlesbare Anwendungen von Programmiersprachen.
Net Poetry von Jodi, antiorp/Netochka Nezvanova, MEZ/Mary Anne Breeze,
Ted Warnell, Alan Sondheim und Kenji Siratori amalgamieren Methoden
der Struktur- oder Sprechakt-orientierten Forschung (Strukturalismus
und Philosophy of Ordinary Language).
Codeworks schreibende AutorInnen entwickeln konzeptuelle, an Open Source
ausgerichtete NetArt mit Übernahmen aus Hackerkulturen weiter,
während in Hyperfiction und Multimedia Poetry Programmvorgaben
industrieller Software (mit geschlossenem Quellcode), darunter Browser
und PlugIns (QuickTime, ShockWave, Flash), als Arbeitmittel integriert
werden (2/2004).
- Cramer, Florian: Exe.cut[up]able
statements. Das Drängen des Codes an die Nutzeroberflächen.
Vortrag, Ars Electronica 2003, Brucknerhaus, Linz, 8.9.2003. Druckfassung
in: Stocker, Gerhard/Schöpf Christine (Hg.): Code The Language
of Our Time. Ars Electronica 2003. Ars Electronica Center, Linz/Ostfildern-Ruit
2003, S.98-109. Iconische Programmiersprachen sind im Vergleich zu syntaktischen
Relationsmöglichkeiten von textbasierter Software unterkomplex.
Deshalb trennen Interfaces zwischen der Bildsprachen(Icons)-Anwendung
und der textbasierten Software. Textgebundene Interfaces ermöglichen
im Unterschied zu Icon-basierten Interfaces eine Transparenz der Relationen
zwischen Programmier- und AnwenderInnenebene. Cramer stellt diesen Zusammenhang
als Crux von Codeworks von Alan Sondheim und MEZ/Mary Anne Breeze vor
(2/2004).
- Cramer, Florian: Peer-to-Peer
Dienste. Entgrenzungen des Archivs (und seiner Übel?).
Beitrag für den (Internet-)Katalog zur Ausstellung "adonnaM.mp3
Filesharing, die versteckte Revolution im Internet". Museum für
Angewandte Kunst, Abteilung digitalcraft, Frankfurt am Main, 20.3.-20.4.2003.
Peer-to-Peer-Netzwerke wie Napster, Gnutella, Kazaa und Freent stellt
Cramer als Musikarchive vor und interpretiert das Netz mit seiner Gliederung
(TCP/IP, DNS etc.) als sein eigenes Archiv mit Objekt- und Metadaten
(IP-Adressen und Domain-Namen). Peer-to-Peer-Netzwerke verwenden jedoch
häufig nicht die Internet-Archivstruktur, sondern besitzen eigene
Server- und/oder Rechner-basierte Strukturen. In GNUnet und Freenet
werden die Daten zwischen den angeschlossenen Rechnern verschoben: Die
Speicherorte werden beweglich und unkontrollierbar. Gehen auf Festplatten
und anderen Datenträgern gespeicherte Daten verloren, dann kursieren
in Filesharing-Netzen noch immer die für sie freigegebenen Dateien:
Filesharing als Chance für ein "kulturelles Gedächtnis",
das dank der "Unsystematik im Datentransfer" Speicherlöschung
übersteht (2/2004).
- Cramer, Florian: Zehn
Thesen zur Softwarekunst.
In: Auer, Johannes/Heibach, Christiane/Suter, Beat (Hg.): netzliteratur.net_Netzliteratur//Internetliteratur//Netzkunst
2003. Druckfassung, deutsch/englisch ("Ten Theses about Software
Art") in: Gohlke, Gerrit (Hg.): Software Art Eine Reportage
über den Code/A Reportage about Source Code. Media Arts Lab des
Künstlerhauses Bethanien. Berlin 2003, S.6-13. Software Art problematisiert
nach Cramer ihre Mittel ebenso mit diesen Mitteln wie mittels anderer
Medien. Die Relation von Anweisung und Ausführung wird in Event
Cards von George
Brecht (Beispiel "Lamp Event", Teil der Event Card Three
Lamp Events, Summer 1961: "on. off") und in .walk
von Social
Fiction computerextern thematisiert. Im Unterschied zur konzeptuellen,
nach Lucy Lippard und Cramer dematerialisierenden Anweisung setzen KünstlerInnen
Software ein, nicht nur um deren Funktionen anzuwenden, modellhaft vorzuführen
oder zu erweitern, sondern auch um sie als Material (durch Eingriffe
und Modifikationen) zu bearbeiten. Social Fiction liest einerseits in
".walk" den "Konzeptaktionismus der 1960er Jahre"
als "Computersoftware" neu, andererseits wird in Spiele- und
HTML-Modifikationen (Beispiel Jodi) wie auch in "Codeworks"
die Software als Material behandelt.
Der Begriff "Software Art" wurde von Kritikern für Werke gebildet, die
zwar aus dem Rahmen des Kunstbetriebs fallen, aber erklärungsbedürftig
sind und damit einen Diskursrahmen erfordern, den bislang der Kunstbetrieb
bereit gestellt hat. Unter dem Begriff "Kunst" wird auch Kunstfertigkeit
im Umgang mit Software subsumiert. So wird das Verständnis der
"ars", die Kunst und Kunsthandwerk umfasst, wieder aufgegriffen.
Konzeptualisierung, Medienvielfalt, Software-Kenntnis und Prozessualisierung
finden in Software Art auf sehr unterschiedliche Weise zusammen. Wenn
"Kritiker[...], Kuratoren und Jurys" Reduktionen auf wenige,
häufiger vorkommende Medienformen ("experimentelle Web-Browser,
Daten-Visualisierungen, modifizierte Computerspiele und Cracker-Code")
vornehmen, dann klammern sie diese Kunstdefinitionen erschwerende Vielfalt
aus (6/2004).
- Cubitt, Sean: Immersion,
Connectivity, Conviviality.
Vortrag, Museum für Moderne Kunst (MUMOK), Wien/Donau-Universität
Krems, Department für Bildwissenschaften, Telelecture,
8.11.2007. Die Unterschiede zwischen nieder und hoch aufgelösten
Bild- und Filmpräsentationen in dafür geeigneten digitalen
Medien interpretiert Cubitt sozialkritisch. Die niederaufgelösten
Bildschirme von Mobiltelefonen und Mensch-zu-Mensch-Kommunikation via
SMS stehen nach Cubitt für die "Aktualität der Isolation"
und die "Illusion der Gemeinschaft". Bemühungen, technische
Ansprüche an hochaufgelöste Medien und Übertragung in
mobile Geräte mit kleinen Bildschirmen und Interfaces zu übertragen,
können mit der dort vorherrschenden "Aktualität der Gemeinschaft"
"die Illusion der Isolation" und das "neo-barocke Spektakel"
zum einzigen Medienparadigma werden lassen: An ihm nehmen alle ZuschauerInnen
gemeinsam Teil, halten sich aber selbst für isolierte BeobachterInnen.
Dieses neo-barocke Spektakel kennt nur den "Kampf gegen das absolute
Böse", bleibt aber unbestimmt. Dem "immersive sublime"
der hochauflösenden Medien steht nach Cubitt die "connective
despair" der niederauflösenden Medien gegenüber: Die
Kommunikation scheitert in einer "world of hyperindividuation":
"The binarism of hi-res and lo-res takes us to the sick heart of
the contemporary world." Nur "convivial tools" können
die verschütteten Möglichkeiten der Kommunikation aktualisieren:
"...a dialectic of embodied experience and socialisation on the
grounds of a mediated world."
Urban Tapestries (Teil I:
September 2002-2005, Teil 2: ab März 2006-2008) von Proboscis (s.
Sammeltipp 1, Teil
1 und Teil
3) ist nach Cubitt nostalgisch und utopisch zugleich: Es ist sowohl
Schatten des Systems überwachender und korporativ organisierter
Netzwerke als auch "alternatives Netzwerk-Modell der Unabhängigkeit"
(7/2009).
- Dyer-Witheford, Nick/de Peuter, Greig: Empire@Play:
Virtual Games and Global Capitalism.
In: CTheory, 13.5.2009. Der Artikel stellt die Bedingungen des "Empire"
(Michael Hardt/Antonio Negri 2000) für Spiele Schaffende vor, um
dann an "Games of Multitude" Möglichkeiten aufzuzeigen,
sich gegen diese Bedingungen mit Spielen zu engagieren, welche die Spieleanwendungen
im Militär und an der Börse weiter entwickeln: Im "Empire"
entstehen die Möglichkeiten zu seiner Überwindung.
Aus den skizzierten Arbeitsbedingungen in Firmen des "ludocapitalism"
ergibt sich für SpielentwicklerInnen die Notwendigkeit, eigene
Fähigkeiten zu nutzen, um diesen Verhältnissen zu entkommen.
Allerdings halten die Firmen im "meshwork of satellite offices"
die Löhne erfolgreich niedrig.
Die Praxis des e-Learning durch Spiele nutzen das Militär, Korporationen
und die Börse, wofür einige Beispiele genannt werden. Die
Weiterentwicklung solcher Spiele zur "`autoludic´ activity"
liefert Möglichkeiten, Spieltechniken zu entwickeln, die über
Piraterie und Protest hinausgehen: Das Planen eigener Strategien kann
in Spielen wie agoraXchange
(Jacqueline Stevenes/Natalie Bookchin 2004-2008) oder Superstruct
(The Institute of Future, 2008) gelernt werden. Diese Spiele können
den "Magic Circle" der von der Realität abgehobenen Spielwelt
durchbrechen, indem sie dabei helfen, Ungereimtheiten in vorhandenen
Machtstrukturen auszunutzen, um den Blick auf die Welt zu ändern.
Das klingt sehr abstrakt und ist weit davon entfernt, bereits in einer
bestimmten Art von Online-Spielen und -Spielpraxis den Anfang von sozialen
Veränderungen zu sehen: Ausführungen des vorgeschlagenen Spielkonzepts
sind nur als Vorlauf zur Umwälzung von Machtstrukturen brauchbar
(7/2009).
- Flanagan, Mary: Locating
Play and Politics: Real World Games & Activism.
In: Proceedings of the Digital Arts and Culture Conference. Perth 2007;
Leonardo Electronic Almanac. Vol.16/Issue 2-3. 2008. Henri Lefebvre
unterscheidet in «La production de l´espace» zwischen entfremdetem
abstraktem öffentlichem Raum, der von Eigentum, Überwachung
und Konsum geprägt ist, und einem vom Sozialleben der in ihm lebenden
Menschen geprägten Stadtraum. Blast Theory´s Can
You See Me Now? (2001) sieht Flanagan kritisch, da Ortsmerkmale
und Straßen nur Elemente eines Spielfeldes sind. Ihre eigene Geschichte
und Bedeutung werden nicht zu Bestandteilen des Spiels.
Als positive Beispiele stellt Flanagan Anne-Marie Schleiners Operation
Urban Terrain (OUT) (2004), Suyin Loouis "Transition Algorithm"
(2006) und Samara Smiths "Chain Reaction" (2006) vor. Keines
dieser Projekte integriert GPS. Die Autorin schließt daraus nicht, dass
Projekte mit Ortsbezug auf lokalisierende Technologien verzichten sollen,
sondern empfielt, beim Design konzeptuellen Aspekten mehr Beachtung
als den technologischen Mitteln zu schenken. Den Gegensatz zwischen
mit instrumentellem Handeln erreichbarem Spielziel und sozial orientiertem
Ortsbezug erwähnt die Autorin, offeriert aber kein Konzept zu seiner
Auflösung in aktivistisch ausgerichteten Spielen (7/2009).
- Fuller, Matthew: Behind
the Blip. Software as Culture.
In: Nettime, 7.1.2002. Druckfassung in: Fuller, Matthew: Behind the
Blip. Essays on the Culture of Software. Brooklyn 2003, S.11-37. Nachdem
Computer, Software und Interfaces für Anforderungen ihrer AnwenderInnen
geschaffen wurden, orientieren sich die Erwartungshorizonte an den digitalen
Angeboten. Das muss so nicht bleiben. "Software Culture" umfasst
die Entwicklung neuer Konzepte nicht nur im technischen, sondern auch
im philosophischen Sinn, und sie konstituiert eine "digitale Subjektivität"
mit einem eigenen Sensorium.
Fuller differenziert zwischen "Critical", "Social"
und "Speculative Software", wobei letztere seinen Kriterien
der Konzeptualität und digitalen Subjektivität entspricht:
"Software...as mutant epistemology." (2/2004)
- Galanter, Philip: What
is Generative Art? Complexity Theory as a Context for Art Theory.
Vortrag, 11.12.2003. Papers of Generative Art 2003 Conference. Politecnico
di Milano, Fakultät für Architektur des Campus Leonardo, Mailand
2003. Galanter weist in seinem Versuch, Generative Kunst zu definieren,
auf folgendes Problem in Claude Shannons Informationstheorie: Eine willkürliche
Anordnung von verschiedenen Elementen weist einen hohen Informationsgehalt
auf, während Wiederholungen identischer Elemente redundant sind
(niederer Informationsgehalt).
Galanter sucht einen Ausweg in einer Kombination aus Überraschung
(hoher Informationsgehalt) und Redundanz: "Struktur" und "Komplexität"
steigen zwischen den Extremen hoher und niederer Information. Das Maß
an "algorithmischer Komplexität" ergibt sich daraus,
wie groß die kleinste Menge an Regeln ist, die ein Universalrechner
benötigt, um die zu messende Datensequenz zu erzeugen. Die "algorithmische
Komplexität" überwindet das Problem noch nicht, da die
Zufallsanordnung den umfangreichsten Algorithmus benötigt.
Mit der "effektiven Komplexität" (Murry Gell-Mann) wird
das Kriterium "der Länge einer konzisen Beschreibung der Menge
regelmäßig wiederkehrender Eigenschaften einer Entität"
eingeführt. Die "effektive Komplexität" sowohl von
Zufall als auch von strenger Ordnung identischer Elemente tendiert gegen
Null.
Galanter bestimmt die Anwendung von Systemen als Charakteristikum Generativer
Kunst. Er schlägt vor, diese System-Anwendung mit Ansätzen
der Komplexitätstheorie zu erklären. Die Konsequez dieser
Definition ist, "dass Generative Kunst so alt wie die Kunst ist"
(10/2006).
- Goriunova, Olga: Swarm
Forms: On Platform and Creativity.
In: Mute. Vol.2/Nr.4. January 2007, S.46-57. Während statische
Plattformen ihre Inhalte auf einer zentralen Schnittstelle zeigen und
KuratorInnen für die Themenausrichtung sorgen, ermöglichen
dynamische Plattformen Zugänge über mehrere Schnittstellen
und AdministratorInnen sorgen für die Aufrechterhaltung der Funktionen,
kümmern sich aber nicht um die Inhalte.
Neben den unter dem Schlagwort Web 2.0 viel diskutierten dynamischen
Plattformen, die kommerziell betrieben werden, während die Urheberrechte
den Beitragenden gehören ("shared copyright"), sieht
Goriunova eine Möglichkeit für Kunstplattformen ("art
platforms"), themenorientiert und unabhängig zu bleiben. Die
fehlende Menge an BesucherInnen hält InvestorInnen ab und garantiert
Unabhängigkeit.
Plattformen betreibende EnthusiastInnen und TeilnehmerInnen sollten
sich um die Themenausrichtung kümmern. Kennzeichen einer Kunstplattform
ist es nach Goriunowa, eine "kulturelle Entität" ("cultural
entity") zu bilden: "Its subject is avant-garde and marginal."
Als Beispiele für Kunstplattformen nennt Goriunova wie schon
in älteren Artikeln Micromusic.net
und Udaff.com neben der Plattform runme.org
(s.o., Plattformen), die sie mitbegründete.
Der Unterschied zwischen den Kunstplattformen und den Plattformen für
einen "hive mind" ist Goriunova offenbar wichtiger als der
zwischen statischen und dynamischen Plattformen. Ihr Resumee: "...platforms
cannot in general be stigmatised as loci of the unoriginal `hive mind´,
and there is no need for a term like Web 2.0." (4/2007).
- Guglielmetti, Mark/Innocent, Troy/Whitelaw, Mitchell: Strange
Ontologies in Digital Culture.
(1/2008). In: ACM Computers in Entertainment. Vol.7/Issue 1. February
2009. In Philosophie und Informatik wird der Begriff Ontologie in verschiedenen
Bedeutungen eingesetzt. Während Philosophie nach einem erkenntnistheoretischen
Rahmen für die ontologische Frage sucht, wie sie sich auf Seiendes
beziehen kann, wird in der Informatik jedes System, das formale Strukturen
für Relationen zwischen Elementen schafft, als Ontologien in Darstellungen
von Wissen erzeugend verstanden mit der Folge, dass diese Ontologien
für das stehen, was ist: Wenn nur das als existent vorstellbar
ist, was in Wissenssystemen erkennbar ist, dann stehen die Grenzen dieser
Systeme für das, was als Welt erfassbar ist. Gegen diese Konvention
des als Seiend Vorstellbaren setzen die Autoren "strange ontologies"
in künstlerischen Projekten.
Doch vorher belegen die Autoren die Befremdung, die "social software"
von Plattformen wie Facebook und del.icio.us hervorruft: In Facebook
steht "Freund" für symmetrische Beziehungen, während
in del.icio.us damit eine asymmetrische Beziehung zwischen Verehrtem
und Verehrer, Getagtem und Tagendem, gemeint ist.
Installationen und Spiele stören die Parameter der Wirklichkeitsdarstellung
mit den Mitteln dieser Systeme. Jonathan McCabe überschreitet in
Origami
Butterfly (2006) das in Generativer Kunst üblich Gewordene
mit Schwärmen sich modifizierender Elemente: Teilungen und Wiederholungen
bilden Prozesse, die Strukturen schaffen.
Systemen, die Welt in statischen Ordnungen auf konservative Weise darstellen,
werden Systeme "mit dynamischen, lokalen und relationalen Qualitäten"
nicht nur entgegen gesetzt, sondern mit den Systemen werden weitere
Qualitäten generiert. Das zeigt Brock Davis´ Selbstporträt,
das mit Hilfe des Editors für die 3D Simulation ("Forge")
des Games "Halo 3" ("manipulating 3d objects in the editor
environment for Microsoft´s Halo 3") entwickelt wurde. Die
Lesbarkeit der Objekte darstellenden Zeichen im Raum wird verändert:
Sie sind nur noch sekundär im Raum angeordnete Spielelemente und
deuten primär Konturen eines Gesichtes an (7/2009).
- Helmond, Anne: Lifetracing.
The Traces of a Networked Life.
In: Bray, Anne/Dockrey, Sean/Green, Jo-Ann/Navas, Eduardo/Torrington,
Helen (Hg.): Networked. A (Networked_Book) about (Networked Art). 2009.
Helmond hebt den engen Zusammenhang in der Selbstdarstellung im Internet
zwischen sozialen Netzwerken und Suchsystemen hervor. Bestimmte Techniken
der Suchsysteme (Google, Yahoo, Bing), Daten aufzugreifen, provozieren
bestimmte Arten, Netzwerke zu nutzen: "...identity is performed
through and shaped by social software and constructed by search engines."
Aktivitäten von UserInnen in verschiedenen sozialen Plattformen
fassen Dienste wie Storytlr zusammen,
die "mashup your data into stories." Die Aktivitäten
in sozialen Netzwerken führen im "Search Engine Reputation
Management (SERM)" zu Taktiken, negative Resultate von den ersten
Plätzen der Listen von Suchsystemen zu verdrängen: "...people
are very willing to submit a large amount of information about themselves
to search engines for a sense of control over the outcome."
Bestimmte Eigenschaften der Google Suchmaschine begünstigen SERM-Taktiken:
Die Google Blog-Suchmaschine zeigt jeden RSS Feed an. Darunter fällt
auch jeder Twitter-Eintrag, der in der "public timeline" zugänglich
ist.
Die Suchmaschinen unterlaufen nach und nach durch Registrierung und
Login von sozialen Netzwerken geschaffene "walled gardens"
und soziale Netzwerke arbeiten immer offener den Suchmaschinen zu. Zudem
ist die Funktion von Suchmaschinen wie Wink,
yoName, Spock
und Pipl, Informationen über
Menschen im Internet und in sozialen Netzwerken zu finden, wofür
die Eingabe des Namens, Username oder der e-Mail-Adresse genügt.
Dieser Verfügbarkeit aller Daten über Aktivitäten einzelner
Personen korrespondieren Dienste, welche es UserInnen erlauben, die
über verschiedene Netzwerke und Medien verteilten, zur Selbstdarstellung
geschaffenen Daten zu verwalten: Lifelogging Software.
Das von Nokia zwischen 2004 und 2007 angebotene "multimedia diary"
für Mobiltelefone ermöglichte es, Bilder, Messages und Videos
in chronologischer Folge zu überschauen. "Lifelogging"
und UserInnen, die dem Wunsch folgen, möglichst viele Daten über
sich und die nähere Umgebung zu sammeln, provozieren Datenspuren,
die zu einem Verständnis des Netzes als "a place holder for
the intentions of humankind" (John Battelle) führen.
Fruchtbar wird das in thematischen Aufbereitungen der verfügbaren
Daten, wie dies Google Flu
Trends oder We Feel Fine
und I Want You To Want
Me von Jonathan Harris und Sep Kamwar zeigen: "Instead of using
this data for health issues or for artistic purposes it may also be
used for monitoring or surveillance." "Consumer surveillance"
überschreitet Michel Foucaults Überwachungsgesellschaft, die
er am Beispiel von Jonathan Benthams Panopticon erklärte. "Consumer
surveillance" wird in der "self-surveillance", die your.flowingdata.com
(YFD) erleichtert, privatisiert und genießbar.
Zugleich wird auf die "surveillance" mit einer "sousveillance"
(Steve Mann) einer Überwachung von unten, von Individuen
statt von Staaten oder Korporationen geantwortet. In einer "Identity
2.0", die Statistiken eigener Aktivitäten und ihre Popularität
aus Twitter Counter oder Twitter
Analyzer bezieht, bleibt "sousveillance" angepasst.
In der "assemblage of platform, engine and user" fügt
sich Eins ins Andere. Von sozialen Netzwerken und Suchsystemen werden
UserInnen dazu aufgefordert, das Profil zu vervollständigen (Google
Profiles). Sie füttern damit den Datenstrom, der von Plattformen
zu Suchmaschinen fließt: "...a reconfiguration of the user...the
lifestream is more service-centered than user-centered."
Tagging ist eine Kernaktivität der UserInnen von Netzwerken, mit
der sie den Suchmaschinen zuarbeiten. Mit diffamierenden Schlagworten
als Tags können zugleich die Selbstdarstellungen von TeilnehmerInnen
geschädigt werden.
Mit der "reconfiguration" des Selbst in einer Datenwelt, in
der die eigenen digitalen Spuren sich nicht mehr beseitigen lassen,
wird die Vorsorge, was mit ihnen nach dem eigenen Tod zu tun ist, zur
Aufgabe für neue Dienste, wie sie Etoy (Mission
Eternity), Mediamatic (IkRip)
und Pips:Lab (Die Space) anbieten:
Die Datenwelt online erfordert eine eigene Form des Testaments (9/2009).
- Holmes, Brian: Durch
das Raster schweifen. Psychogeographie und imperiale Infrastruktur.
In: Springerin. Bd. X. Heft 3. Herbst 2004, S.18-21. Nach Holmes verbinden
sich in Projekten für Collaborative Mapping mit Ortungstechniken
zwei imperiale Strukturen: das Internet und GPS. Die politischen Probleme
des "Digital Divide" und die militärischen Ursprünge
beider Informationssysteme stellt Holmes als Teile einer "imperialen
Infrastruktur" dar, die sich gerade in ihrem liberalisierten sozialen
und ökonomischen Gebrauch fortsetzt. Obwohl die Strukturen des
Internet und des GPS nicht dieselben sind, behandelt sie Holmes, als
würden ihre militärischen Ursprünge heute dieselben Probleme
verursachen.
Das "World Geodetic System" ist das globale dreidimensionale
Bezugssystem für militärische Projekte und Aktionen der U.S.A.
Holmes führt Kartographie mittels des "World Geodetic System"
als Teil der "imperialen Infrastruktur" vor.
Jeron Klees und Esther Polaks Oktober 2002 in Kollaboration mit der
Waag Society realisiertes Projekt Amsterdam
Real Time zeigte die Wege, die TeilnehmerInnen mit GPS und PDA in
Amsterdam zurück legten (und antizipierte Tom Cardens und Steve
Coasts OpenStreetMap (OSM): The
Free Wiki World Map, ab Dezember 2004). Holmes kritisiert, dass
"Amsterdam Real Time" dem "hyper-rationalistischen Raster
der imperialen Infrastruktur" nicht entkomme. Es liefere "eine
fragile, mit Mehrdeutigkeiten gespickte Geste" und erfüllt
damit nicht, was Holmes fordert: "soziale Subversion, psychische
Entkonditionierung und eine Ästhetik der dissidenten Erfahrung."
Letztere liefert ihm der Situationismus nach dessen Verzicht auf Constants
Visualisierungen des Unitären Urbanismus. Kritische Kommentare:
Beiguelman, Giselle: Re:
Interactive City: irrelevant mobile entertainment? (18.8.2006) In:
Institute for Distributed Creativity. iDC mailing list. iDC Digest.
Vol.22/Issue 19, 19.8.2006; Cloninger, Curt: Comments
to Holmes, Brian: Psychogeography and Imperial Infrastructure. In:
Turbulence.org. networked_performance: Research Blog about network-enabled
performance, 31.12.2004; Shepard, Mark: Re:
Interactive City: irrelevant mobile entertainment? (17.8.2006) In:
Institute for Distributed Creativity. iDC mailing list. iDC Digest.
Vol.22/Issue 18, 18.8.2006 (10/2006).
- Holmes, Brian: Is
It Written In the Stars? Global Finance Precarious Destinies.
In: Holmes, Brian: Continental Drift. The other side of neoliberal globalization.
Blog, 6.11.2009. Gekürzte deutsche Druckfassung mit dem Titel "Was
steht in den Sternen? Globale Finanzen, prekäre Schicksale",
in: Springerin. Bd. XVII. Heft 1. Winter 2010, S.18-24. In Black
Shoals Stock Market Planetarium wurden flackernde Lichtpunkte in
Sternkonfigurationen vergleichbaren Konstellationen in eine von der
Decke hängende Kuppel (in die konkave Seite eines Kugelsegments)
projiziert. Diese Installation von Lise Autogena und Joshua Portway
wurde 2001 in der Tate Gallery (Gruppenausstellung "Art
Now: Art and Money Online", London) zum ersten Mal ausgestellt und
dort über eine Internetverbindung von Reuters News Feed mit Daten
vom aktuellen Börsenhandel versorgt. Ein Programm von Cefn Haile
generierte aus diesen Daten mit Algorithmen künstliche Wesen ("A-life
agents"), die als flackerndes Licht in die Kuppel projiziert wurden.
Jedes Licht oder jeder Stern stand für ein börsennotiertes
Unternehmen. Intensität und Bewegung gaben Veränderungen im
aktuellen Börsenhandel wieder.
Auf den Zusammenhang zwischen Artificial Life und Börsenhandel
weist der Begriff "Shoals" im Titel der Installation. "Shoals"
bezeichnet strömungsabhängige Sandbänke und "shoaling"
steht für das Verhalten von Fischschwärmen. Nach Autogena
und Portway bezieht sich der Begriff "Shoals" sowohl auf "shoaling"
als auch auf die "Black Scholes"-Formel, die Fisher Black,
Myron Scholes und Robert Merton in den siebziger Jahren erfunden haben.
Mit ihr lässt sich der aktuelle Wert einer Aktie genauer, als es
vorher möglich war, bestimmen. So kann das Investititionsrisiko
gesenkt werden, solange das Investitionsumfeld konstant bleibt. Nach
Erfolgen in der Anwendung ihrer Formel scheiterten Scholes und Merton
1998 mit ihrem Unternehmen "Long Term Capital Management".
Eine der Ursachen dieser Pleite war der "Feedback Effect",
den NachahmerInnen erzeugen. Nach der Komplexitätstheorie gibt
es Arten von Feedback, die zu Chaos führen. Die Rekonstruktion
des Börsenhandels mit Mitteln der algorithmischen Rekonstruktion
biologischer Prozesse in Artificial Life verweist auf Möglichkeiten
der Erforschung seiner Regelprozesse jenseits der Mängel der "Black
Scholes"-Formel.
Die Installation und die Erläuterungen ihrer AutorInnen liefern
Holmes Vorgaben für teils analytische Zeitdiagnostik der Globalisierung
und teils essayistische Ausführungen, in denen er zum Beispiel
die Chicago Mercantile Exchange Group als Gewinner hervorhebt. Als Folge
der neoliberalen Globalisierung beschreibt er die rostfreie Edelstahlskulptur
"Cloud Gate" von Anish Kapoor, die seit 2006 im Chicago Millenium
Park auf dem AT&T Plaza steht, 11,5 Millionen Dollar kostete und zur
Touristenattraktion wurde. Der teuren Attraktion stehen 20% EinwohnerInnen
gegenüber, die unter der Armutsgrenze leben.
In Detroit schließlich wird die Organisation einer Event-Kultur
mit "flashy postmodern casinos" zum Versuch einer an Investoreninteressen
ausgerichteten Regeneration nach dem Zusammenbruch der Autoindustrie.
Mit seinen Beispielen aus Chicago und Detroit stellt Holmes die "creative
industries" und den "casino capitalism" (Susan Strange
1986) als zwei Seiten einer Medaille vor.
Die Installation von Autogena und Portway präsentiert eine Visualisierung
der Dynamik des Börsenhandels für eine ästhetische Anschauung
in kontemplativer Haltung. Der Bezug der Projektion zur Börse wird
nicht von einer Ästhetik pulsierender Lichter gekappt, sondern
bleibt erkennbar. Der Zusammenhang von Einzelnem und Ganzem erscheint
zugleich faszinierend und fragwürdig: Die Installation folgt der
sich auf ihre Eigengesetze konzentrierenden Börsenwelt (Autonomie).
Diese blendet aus, was sie beeinflusst und von ihr beeinflusst wird
(Heterarchie).
Kapoors Spiegelwelt in "Cloud Gate" gibt in Verzerrungen wieder,
was vor ihr erscheint: Die Touristen und die Hochhäuser Chicagos.
Die Skulptur lenkt durch ihre Effekte davon ab, wer abgedrängt
wurde und vom Millenium Park ausgegrenzt wird. In "Cloud Gate"
dient das sich Spiegelnde als austauschbares Futter für Binnenbrechungen
in Spiegelwelten. So beschreibt Holmes auch die Binnenbrechungen in
der "infinite variety of speculative performances" am Beispiel
der Event-Kultur in Detroit: "...the performer is often a `mark´,
the target of someone else´s strategy." Als System, dessen
(sich wandelnden) Regelabläufen diese Strategien folgen, stellt
Holmes den Börsenhandel vor: Seine Rekonstruierbarkeit als Artificial
Life zeigt, dass hier die Produkte erzeugenden und mit ihnen handelnden
Unternehmen nur Datenfutter für den Börsenhandel sind.
Die andere Seite, wie der Börsenhandel die Korporationen beeinflusst
und diese in der Art, wie sie darauf reagieren, Armut erzeugen, wird
in der Installation "Black Shoals Stock Market Planetarium"
ausgeklammert. Diese Auslassung dient Holmes als Einfallstor für
Gesellschaftskritik: Er rekonstruiert die Auslassung durch seine Interpretation
der präsentierten Elemente. Die "supernova of derivatives
trading" konstituiert "meta-commodities that govern the unfolding
of the contemporary economic model." Das analysierte "articial
world model" provoziert Holmes zu dem Aufruf: "We need a different
world model, which cannot be abstracted from price information analysed
by computers."
Holmes erweitert in seinem sozialkritischen Ansatz eine Analyseform,
die in werkinternen Relationen die Zusammenhänge der Gesellschaft
erkennt, in der ein Werk produziert wurde, zu einer Interpretationsweise,
die in Relationen zwischen Werkstrukturen und den sozialen Strukturen
der Umwelt den affirmativen oder kritischen Bezug zur Gesellschaft erkennt:
Die Relation zwischen dem, was Werk und Umwelt (die Gesellschaft, nicht
nur die Präsentationsumstände) zeigen und nicht zeigen beziehungsweise
ausblenden, wird zum Ansatz einer Analyse von Gesellschaft, die sich
Kunst für ihre Bedürfnisse schafft. Die Analyse der Bedürfnisse
einerseits und andererseits der Art, wie die Kunst darauf reagiert,
soll auch dazu führen, zu erkennen, welche Alternativen Kunst und
Gesellschaft bisher nicht analysiert haben (11/2009).
- Holmes, Tiffany: Arcade
Classics Spawn Art? Current Trends in The Art Game Genre.
Vortrag, 20.5.2003. In: Melbourne DAC, the 5th International Digital
Arts and Culture Conference. School of Applied Communication, Royal
Melbourne Institute of Technology, Melbourne 2003. "`Retro-styled´
art games" modifizieren Arcade Game Klassiker wie Pong, Asteroid,
Missile Command und Centripede. Im Vergleich zu Computerspielen mit
mehreren Levels für lange Spielzeiten sind Art Games mit einfachen
Interfaces in kurzer Zeit spielbar. Entscheidend ist nach Holmes eine
"conceptual message", die das Ego-Shooter-Szenario und seine
Weiterentwicklung in Kampfspielen durch soziale Themen wie Gender und
Race in Frage stellt. An Natalie Bookchins The
Intruder (1999), Game Labs Sissyfight
(2000), Ricardo Zuñigas Vagamundo
(2002) und On Ramp Arts Tropical
America (2002) zeigt Holmes, wie Spiele Machtstrukturen thematisieren:
"Art game play sometimes requires a tolerance for critical theory
mixed with intelligent humor..." (7/2009).
- LeMay, Matthew: The
Anti-Sublime Ideal in Data Art (2002, s.u.) und Database
as a Genre in New Media (1998, integriert mit Modifikationen in
"The Language of New Media", Cambridge/Massachusetts 2001,
S.218-243. s. Beiträge
zur Geschichte der NetArt, oben):
1.) Die Folge von Manovichs Grundannahme einer "grundsätzlichen
Trennung zwischen Form und Inhalt" ist seine Darstellung der "endless
ways to map one data set onto another" als Problem der Mapping
Art. Dieser Auffassung hält LeMay entgegen, dass es bei Mapping
Art um "komplexe Zusammenhänge zwischen Daten und Database",
nicht aber um Übertragungen von additiv erweiterbaren Sammlungen
"separater Elemente" (Manovich) geht.
2.) Zwischen der Organisation von Datensammlungen und Databases muss
präziser unterschieden werden als dies Manovich tut, da er unterschiedliche
Zusammenhänge von "Form" und "Inhalt" in "static"
und "dynamic data sets" nicht berücksichtigt. Mit manuellen
Eingaben organisierte statische Zuordnungen von Dateien mit Bild- und
Klangformaten zu Text-Indices sind die Voraussetzung, um in digitalen
Archiven suchen zu können. Generierte dynamische Zusammenstellungen
als Resultate computergestützter Suche nach eingegebenen Schlagworten
können, anders als in von BeobachterInnen für BeobachterInnen
zusammengestellten Archiven, dazu führen, dass ihre Ergebnisse
ratlos lassen, weil sie (noch) nicht in Denkrahmen integrierbar sind.
Der Unterschied zwischen statischen und dynamischen Datenkonfigurationen
lässt sich an den Unterschieden zwischen Systemen für CD-ROMs
und Suchsystemen im Internet zeigen: Im Gegensatz zu statischen Strukturen
auf CD-ROMs erscheint die Abhängigkeit der Suchsysteme im Internet
von Indices, die durch Eingaben hinzugefügt wurden, als unbefriedigende
Kombination von dynamischer Suche mit statischen Zuordnungen.
3.) "Anti-sublim" ist nicht die Übertragung von unübersichtlichen
Datensammlungen in übersichtliche Visualisierungen, sondern die
"database logic". So können Auswahl, Organisation und
Präsentation als in einem wesentlich engeren Wechselspiel stehend
betrachtet werden, als dies Manovich in seiner einseitigen Ausrichtung
auf die "beautification of data" (Simanowski, Roberto: Mapping
Art as Cultural Form in Postmodern Times 2005) tut. Zur Database gehört
"the interconnectedness between data-as-content and structure-as-form".
Gerade darin besteht nach LeMay die von Manovich behauptete, aber nicht
adäquat begründete Schlüsselstellung der Database (4/2007).
- Lillemose, Jacob: A
Re-Declaration of Dependence Software Art in a Cultural Context
It Can´t Get out of.
In: Goriunova, Olga/Shulgin, Alexej (Hg.): read-me. Software Art & Cultures
Edition 2004. University of Aarhus 2004, S.137-149. Die Abhängigkeit
Konzeptueller Kunst vom Kunstbetrieb trotz oder wegen kunstexterner
Präsentationsweisen und Themen wurde von KünstlerInnen wie
Sarah Charlesworth und Hans Haacke thematisiert. Auf eine Kritik restriktiver
Praktiken des Kunstbetriebs konzentrierte sich eine Erste Generation
Kontextueller KünstlerInnen der sechziger und siebziger Jahre.
Ab Ende der siebziger Jahre widmete sich eine Zweite Generation Kontextueller
KünstlerInnen der Kritik der Repräsentation sozialer Relationen
im Kunstbetrieb. Die Dritte Generation der Neunziger Jahre teilt Lillemose
in einen Teil, der Ansätze der ersten beiden Generationen aufgreift,
und einen interventionistischen Teil. Diese KünstlerInnen kontrastiert
Lillemose mit Peter Weibels Konzept der Funktion des Werkes als direkten
Eingriff in den Kontext. Ein bestimmter Teil der Dritten Generation
Kontextueller KünstlerInnen wechselt von der theoretischen Ebene
der Untersuchung von Kunst als soziale Konstruktion zu interventionistischen
Praktiken, soziale Beziehungen zu beeinflussen. Daraus entwickelt sich
in der Vierten Generation Kontextueller Kunst eine kulturkritisch ausgerichtete
Variante von Software Art.
Auf Sarah Charlesworths kontextkritische "Declaration of Dependence"
(The Fox, Nr.1, 1975) folgt nach Lillemose eine "re-declaration
of dependence" von programmierenden KünstlerInnen. Software
ist nicht nur Programmcode für Compiler, sondern kulturelle Praxis,
in der sich wirtschaftliche, soziale und technische Elemente kreuzen:
"Programmierer von Programmöglichkeiten" (Thomas Dreher)
erzeugen "formations rather than forms" (Nicolas Bourriaud)
durch Produkte, die von TeilnehmerInnen im Kontext angewandt und weiter
entwickelt werden. Alternative Software "constructs an user"
gegen einen von proprietärer Software abgesteckten Erwartungshorizont.
Lillemose charakterisiert nicht nur die direkte Aktion, sondern auch
die indirekt provozierenden Strategien der Agitation als Bestandteile
der Vierten Generation Kontextueller Kunst. Software als Kunst und Mittel
("tool") sind zwei sich wechselseitig erhellende oder durchdringende
Aspekte. Lillemose nennt The Yes Men, Institute of Applied Autonomy,
Electronic Disturbance Theatre, etoy, LAN, I/O/D, www.0100101110101101.org,
übermorgen, Carbon Defense League, TWCDC (Together We Can Defeat
Capitalism), Radical Software Group und Knowbotic Research als Beispiele
(6/2006).
- Lodi, Simona: Illegal
Art and Other Stories About Social Media.
In: Lovink, Geert/Rasch, Miriam (Hg.): Unlike Us Reader. Social Media
Monopolies and Their Alternatives. Institute of Network Cultures. Amsterdam
2013, S.239-253. Simona Lodi stellt Netzprojekte und Mobile Applications
vor, die Aspekte von Social Media wie die Zusammenhänge
zwischen Geschäftsmodellen und Nutzerverhalten thematisieren.
Als der Facebook-Gründer und CEO Mark Zuckerberg 2009 Privatheit
für beendet erklärte, blockierte Facebook die Applikationen
Seppukoo von Les Liens Invisibles
(2009) und Web 2.0 Suicide Machine
von Moddr (2009), weil "both...invited users to close their accounts."
(pdf S.242) Wer sich registriert, muss seine rechtlichen Ansprüche
per Zustimmung an Facebook übertragen. Die genannten Projekte aber
unterstützen das Löschen der Beiträge, die Facebook als
sein Eigentum behandelt. Zuckerbergs privater Besitzanspruch ist für
seine Anwälte unantastbar, während das Recht der Beiträge
schreibenden Account-Inhaber auf geistiges Eigentum unter `Privatheit
war gestern´ fällt: Ist die Aneignung der Rechte von Accountinhabern
das Soziale in "Social Media"?
Lodi stellt diese Projekte in knappen Beschreibungen vor. Sie spitzt
in ihren Ausführungen die Zusammenhänge zwischen Plattformen,
ihren Geschäftsmodellen und Accounthinhabern nicht so zu, wie es
die etablierte Machtverteilung erlaubt.
Ihr zweites Hauptthema ist, wie KünstlerInnen auf politische Plattformen
reagieren, durch die aus Aktivismus eine Zustimmung zu Petitionen durch
Klicks wird. Mica White prägte dafür 2010 den Begriff "Clicktivism".
Les Liens Invisibles bieten mit ihren Projekten Repetitionr
(2009-2010) und Tweet4Action
(2011) Dienstleistungen zur Erleichterung der Ausführung von Kampagnen
und Petititonen an. Bei "Repetitionr" wird die Zustimmung
mit geliefert: Gefälschte "Signatures" (pdf S.248) bannen
die Gefahr, dass Petitionen ohne Resonanz bleiben. Lodi bettet diese
Parodien des "Clicktivism" in eine knappe Darstellung der
aktuellen Formen des Aktivismus ein und fragt: "How has business
appropriated hacker values, exploiting open source principles, freedom
and equality, and triggering the activist response?" (pdf S.243)
Sie ist der Ansicht, dass ihre Beispiele für künstlerische
Reaktionen stehen, die kritisch das "Soziale" in "social
media" hinterfragen und mit ihrem "techno-activism" dazu
beitragen, dass "new forms of equality and social change"
(pdf S.252) geschaffen werden (4/2013).
- Lovink, Geert: What
is the Social in Social Media?
In: e-flux journal #40, December 2012. Geert Lovink bestimmt "social
media" als "container concept...describing a fuzzy collection
of websites like Facebook, Digg, YouTube, and Wikipedia." Auf ein
Verständnis des "Sozialen" als Gesellschaftsleben, in
dem symbolische Interaktion eine zentrale Rolle spielt, ist "the
real-virtual distinction" in Medienanalysen zurückzuführen,
die bei "Sozialen Medien" nicht mehr weiter führt.
Das von Interaktion `vor Ort´ bestimmte Soziale beschrieb Jean
Baudrillard 1985 in "The Masses: Implosion of the Social in the
Media" als von Umfragen abgelöst, durch die Auffassungen der
schweigenden Mehrheit erfasst werden. Kommunikation als Möglichkeit,
Öffentlichkeit gegen Machtstrukturen zu mobilisieren, hatte für
die Sozial- und Medienkritik der Postmoderne ihr emanzipatorisches Potential
verloren.
"Soziale Medien" heute dagegen reetablieren das Soziale: Jetzt
erscheint es als Aufforderung zu antworten und als "corrosion of
conformity", wie die "Facebook revolutions" 2011 zeigten.
Die Ein-Weg-Kommunikation der Massenmedien bildeten ein System, dass
uns "in einen Zustand des Stumpfsinns" trieb, und das von
Kommunikation bestimmte Soziale auflöste (Baudrillard). Dieses
System verliert mit den aktuellen "Sozialen Medien" seine
Dominanz. Die "Sozialen Medien" werden heute nicht nur von
"uploading and self-promotion" bestimmt, sondern auch von
"the personal one-to-one feedback and small-scale viral distribution
elements." Kritikern von "Sozialen Medien" wie Nicolas
Carr, Sherry Turkle und Jaron Larnier hält Lovink entgegen, dass
sie es vermeiden, Vorschläge zu machen, "what the social could
alternatively be, were it not defined by Facebook and Twitter."
(4/2013)
- Ludovico, Alessandro: Peer-to-Peer:
Das kollektive, befreite Klanggedächtnis.
Beitrag für den (Internet-)Katalog zur Ausstellung "adonnaM.mp3
Filesharing, die versteckte Revolution im Internet". Museum für
Angewandte Kunst, Abteilung digitalcraft, Frankfurt am Main, 20.3.-20.4.2003.
Vorgestellt werden Formen der kollaborativen künstlerischen Arbeit
mit Netzprojekten für Peer-to-Peer-Übertragung von mp3-Dateien.
Außerdem werden Arten der Appropriation von Musikstücken
beschrieben: Zum Teil werden Urheberrechte generell missachtet, zum
Teil wird gezielt gegen sie verstoßen. In beiden Fällen wird
eine "soziale und sozialisierende Praxis" in Form einer Arbeit
für und mit einer "kollektiven Performance" ausgeführt,
die "Klänge [aus dem Eigentumskonzept des Urheberrechts] befreien
und allen zukommen lassen will." Dabei entsteht eine "Klangmaschine",
die einer "Celestial Jukebox" immer näher kommt und die
"Überflüssigkeit" der zeitgenössischen Praxis
des Urheberrechts (als proprietäre Zugangsschranke) aufzeigt. Simulierte
Hackerangriffe in Form von Warnungen vor Viren, die über .mp3-Dateien
Festplatten befallen, werden als Aktionen vorgestellt, welche die zensorische
Attitüde der Musikindustrie karikieren. Allerdings kann die Musikindustrie
Downloads durch Mehrfachabfragen blockieren (2/2004).
- McGonigal, Jane Evelyn: This
Might Be a Game. Ubiquitous Play and Performance at the Turn of the
Twenty-First Century.
Dissertation. Philosophy in Performance Studies. University of California.
Berkeley 2006. McGonigal stellt Beispiele von 2001-2006 für die
Anwendung von Ubiquitous Computing in Games vor, die TeilnehmerInnen
mit technischem Equipment (Mobiltelefone, PDAs, digitale Kameras, GPS
Empfänger u.a.) in Außenräumen spielen. Sie untersucht die
Spiele nach Gesichtspunkten, die für DesignerInnen und SpielerInnen
relevant sind.
Ihre Unterscheidung in Ubiquitous Computing Games und Pervasive Games
setzt die Unterscheidung in überall einsetzbares (ubiquitous) und
nur kontextspezifisch einsetzbares technisches Equipment (pervasive)
voraus. Neben diesen Games mit eigenem technischem Equipment stellt
McGonigal auch Ubiquitous Games vor, für die TeilnehmerInnen eigene
technische Mittel (Internet) einsetzen: Die Alternate Reality Games
(ARG) sind auf eine andere Weise "ubiquitous" als die Ubiquitous
Computing Games. Während das Spielfeld der Ubicomp Games für
neue Spiele an verschiedenen Orten eingerichtet werden kann, erfordern
die ARGs von SpielerInnen, herauszufinden, wo die SpielleiterInnen (Puppet
Masters) weitere Informationen in teilweise verschlüsselter Form
hinterlassen. Den Zusammenschluss von SpielerInnen zu Gruppen, die kollaborativ
die Aufgaben lösen, schildert McGonigal am Beispiel der Cloudmakers,
welche die Puppet Masters von "The Beast" herausforderten.
Während die ARGs von TeilnehmerInnen verlangen, dass die Fiktion
des Spieles als Wirklichkeit anerkannt wird, setzen Pervasive und Ubicomp
Games mobile SpielerInnen voraus, die das technische Equipment mit Alltagsanforderungen
koordinieren können.
Statt Spiele, die Wendigkeit im Alltag erfordern, von Spielen zu unterscheiden,
die eine ergänzende Bedeutungsebene etablieren (Pragmatik/Fiktion),
setzt McGonigal überall die Bildung eines sich von der Umwelt abgrenzenden
oder von ihr abgehobenen Spielhorizontes voraus (Johan Huizingas "toovercirkel"/"magic
circle"), der dann durch die erforderliche Anpassung an vorgefundene
Umweltbedingungen auf verschiedene Arten (auf)gebrochen wird. Abweichend
von Markus Montola
hält sie diese Brechungen nicht für ein Phänomen neuer
Spielformen, sondern weist Brechungen nach, welche die Geschichte der
Theorien für Spiele beeinflusst haben (7/2009).
- Manovich, Lev: The
Anti-Sublime Ideal in Data Art.
Ursprünglich mit dem Titel "The Anti-Sublime Ideal in New
Media" in: Chair et metal/Metal and Flesh. Vol.7. 2002. Deutsche
Druckfassung mit dem Titel "Das nicht-erhabene Ideal in der Datenkunst"
in: Manovich, Lev: Black Box White Cube. Berlin 2005, S.81-104.
Manovich beschreibt die Simulation alter Medien durch Software in "neuen
Strukturen" als ein frühes "Paradigma" der Computer-Entwicklung
(Alan Curtis Kay seit 1970 für Xerox, Palo Alto Research Center).
Der Computer als "Simulationsmaschine" wird zum "meta-media
object", das "die ursprüngliche Medienstruktur"
und die Software-Mittel enthält, die diese Struktur neu kartieren
("to re-map") und Modifikationen ermöglichen. "Meta-media"
liefern nicht nur Mittel zum Remix verschiedener Datenstrukturen, darunter
die "verschiedenen Kulturformen" mit "neuer Software
Technik", sondern sind teilweise selbst Resultat eines Remix, wie
Manovich am Beispiel des Adobe Acrobat Reader aufzeigt. "Mapping
one data set into another, or one media into another" stellt er
als eines der häufigsten Verfahren im Alltag der Computeranwendung
und in der "Neuen Medienkunst" vor. An Hand von Lisa Jevbratts
1:1
(1999/2001-2002, siehe Kurztipps)
und der Carnivore-Plattform
der Radical Software Group (2001, s.o., Plattformen)
für "clients" anderer KünstlerInnen zeigt Manovich,
dass große und endlose Datenmengen in einem Browserfenster dargestellt
und damit für die Beobachtung handhabbar gemacht werden: "manageable
visual objects".
Im Gegensatz zum Nicht-Darstellbaren und Sublimen in der Romantischen
Kunst ist, so Manovich, "data art" "anti-sublim"
(Manovich weist leider nicht auf den Klassiker Rosenblum, Robert: Modern
Painting and the Northern Romantic Tradition: Friedrich to Rothko. New
York 1975. Mit Rosenblum wird erkennbar, dass Manovich mit der Romantischen
Kunst auch die abstrakte Kunst und das Sublime meint.). Manovich konstatiert,
dass es eine Lösung des Problems der Beliebigkeit vieler Übertragungen
von Datenkonfigurationen in "neue Strukturen" wäre, das
Willkürliche als "method of irrationality" zu betonen,
und damit an den Umgang Konzeptueller KünstlerInnen mit vorgefundenen
"quantitative data" anzuschliessen. Dies könne dazu führen,
Wege aufzuzeigen, wie "die persönliche Erfahrung in einer
Informationsgesellschaft" dargestellt werden kann: "...art
has the unique license to portray human subjectivity..." (4/2007).
- Manovich, Lev: Generation
Flash.
In: Nettime, 9.4.2002,
17.4.2002,
25.4.2002,
2.5.2002.
Deutsche Druckfassung mit identischem Titel: Manovich, Lev: Black Box
White Cube. Berlin 2005, S.53-80. Turntable
(Michael Rees) lieferte im Februar 2002 den digitalen Kontext für
Künstlerbeiträge (Flash Animationen) in Milton Manetas´
Plattform whitneybiennial.com
(s.
o., Plattformen). "Turntable"
dient Manovich als Beispiel für eine visuelle Kultur der "Generation
Flash", die ihre Charakteristika mit der zeitgenössischen
digitalen Audiokultur teilt: Loop, Sample & Remix.
Die Projekte der MedienkünstlerInnen der sechziger Jahre reduziert
Manovich auf die Wiederverwendung von vorhandenen Technologien und massenmedial
vorcodierten Inhalten. Davon unterscheidet er Software-KünstlerInnen,
die die Abstraktion und das romantische Kunstideal eines Produzenten/einer
Produzentin aufnehmen, der/die von Beginn des Entwurfsprozesses an auf
seine/ihre Imagination angewiesen ist.
Projekte der Futurefarmers (Beispiel: Utopia)
sollen eine Ausrichtung von Netzprojekten belegen, die anders
als MedienkünstlerInnen von Nam June Paik bis Barbara Kruger
nicht in Konkurrenz zu kommerziellen Medien treten (eine Verkürzung
der Rezeptionsangebote von Paik und Kruger), sondern unsere Intelligenz
mit "small and economical systems" herausfordern. Die Projekte
von Korporationen der zeitgenössischen Unterhaltungsindustrie sind
einerseits für die Generation Flash so maßgebend wie es Spielfilme
für Andy Warhol waren, andererseits eröffnet die mediale Distanz
des Internet zu Kino und TV neue kulturelle Möglichkeiten (Manovich
stellt seine Vorstellung vom romantisch "from scratch" arbeitenden
Software Artist in Frage, da er Relationen zu Produkten der Unterhaltungsindustrie
aufzeigt. Warum sollten Produkte der Unterhaltungsindustrie nicht KünstlerInnen
seit dem Beginn der Planung eines Projektes beeinflussen?).
Flash schließt KünstlerInnen in Ländern aus, in denen
schnelle Netzverbindungen fehlen. NetArt mit maßgebenden osteuropäischen
und russischen Beiträgen gab es, so lange HTML der maßgebende
Quellcode war. Flash erzeugt für diese KünstlerInnen eine
digitale Grenze, die sie zwingt, in den Ländern zu arbeiten, welche
die Entwicklung von IT dominieren: "The Utopia is over; welcome
to the Empire." Dennoch hofft Manovich im "Postscript",
dass die Generation Flash ein "global cultural laboratory"
aufzubauen in der Lage ist. Dieses "laboratory" soll eine
"remix culture" etablieren können. Diese "remix
culture" könnte eine Alternative zu "`top-down´
cultural composites" von international agierenden Korporationen
der Unterhaltungsindustrie entwickeln.
Manovichs Argumentation lässt in dem Artikel "Generation Flash"
(seine) Brüche zwischen realistisch-kritischer Beobachtung und
Visionen von einer (russischen Konstruktivismus zum Vorbild nehmenden)
Zukunft der Netzkulturauf mehreren Ebenen erkennen (2/2004).
- Manovich, Lev: The
Practice of Everyday (Media) Life.
In: Lovink, Geert/Niederer, Sabine (Hg.): Video Vortex Reader. Responses
to YouTube. Institute of Network Cultures. Hogeschool van Amsterdam/University
of Applied Sciences. Amsterdam 2008, S.33-44. Manovich stellt die ansteigende
Partizipation bei Plattformen des Web 2.0 wie Facebook, YouTube oder
Flickr mit statistischen Belegen vor, nicht ohne am Verhältnis
der Beiträge zu den passiven BeobachterInnen zu zeigen, dass Partizipation
an "social works" bisher nur von wenigen NutzerInnen praktiziert
wird. Michel de Certeau´s Unterscheidung zwischen Strategien der
Macht und Taktiken von Individuen im Alltagsleben dient Manovich, um
Taktiken im Web 2.0 einen neuen Stellenwert zuzuschreiben: "...the
logic of tactics has now become the logic of strategies."
und umgekehrt: "...today strategies used by social media companies
often look more like tactics."
Die "tactical strategies" des Anime Music Video (AMV) und
aufeinander reagierende Filme in YouTube sind für Manovich Beispiele
einer Kreativität in den kommerziellen Plattformen, die es KünstlerInnen
erschwert, sich von AmateurInnen abzusetzen. Er sieht Kreativität
im Web 2.0 weniger in künstlerischen Einzelbeiträgen und Plattformen
wie Processing oder Information
Aesthetics, als in der Dynamik der Web 2.0-Kultur als Ganzer und
hebt die Software Tools der kommerziellen Plattformen hervor. Anders
als Maryanne Breeze (s.o.) und Juan Martin Prada (s.u.) plädiert
Manovich enthusiastisch für das Web 2.0 im aktuellen Entwicklungsstand
(7/2009).
- Medosch, Armin: Piratology.
In: Kingdom
of Piracy <KOP>. DIVE 0.1. Druckfassung in: Medosch, Armin
(Hg.): DIVE. An Introduction into the World of Free Software and Copyleft
Culture. CD ROM und Buch. FACT, Liverpool/Virtualcentre-Media.net 2003,
S.8-19. Medosch vergleicht die Piraterie in Malaysia gegen das British
Empire (1750-1850) mit dem aktuellen Gebrauch des Begriffs "piracy"
durch die Rechteindustrie. In beiden Fällen wird Piraterie erst
durch hegemoniale Strukturen erzeugt. Heute maßt sich die Rechteindustrie
eine Hoheit bei der Verwendung des Begriffs "piracy" an. Nach
Medosch versprechen Versuche wenig Erfolg, die den von der Rechteindustrie
etablierten Begriffsgebrauch korrigieren wollen. Vielmehr nutzt ihn
"Kingdom of Piracy" für eine semantische Umwertung. Medosch
sieht in "Open Source software (OS)" und "free software
(FS)" sowie in der Entwicklung Freier
Netzwerke eine alternative Praxis, die dank Eigenitiativen Ansprüche
der Rechteindustrie zu umgehen in der Lage ist. Als Teil dieser Bewegung
weist Medosch NetArt-Projekte wie Last.fm
(Michael Breidenbruecker, Felix Miller, Martin Stiksel, Thomas Willomitzer),
Frequency Clock (radioqualia)
und Nine (Graham Harwood/Mongrel) wegen
ihrer serverseitigen Software-Anwendung und ihren Bezügen zur Free
Software-Bewegung aus (2/2004).
- Miles, Adrian: Programmatic
Statements for a Facetted Videography.
In: Lovink, Geert/Niederer, Sabine (Hg.): Video Vortex Reader. Responses
to YouTube. Institute of Network Cultures. Hogeschool van Amsterdam/University
of Applied Sciences. Amsterdam 2008, S.223-229. Miles stellt "granularity"
als die Grundlage von "non-linear editing systems" für
Filme vor. Die kleinste Einheit des Filmes kann durch die Teilung größerer
Einheiten (Sequenzen) entstanden sein, dennoch ist sie kein Bruchstück:
"...the `wholeness´ of a shot is qualitative, not quantitative..."
Miles stellt zwei Softvideo Systeme vor, die ein Editieren von Filmen
erlauben, welche es ZuschauerInnen ermöglichen, Wege zwischen Alternativen
zu wählen: Mit "Videodefunct" und "Korsakow System"
können "shots" mit Tags versehen werden, die ZuschauerInnen
begrenzte Möglichkeiten geben, weiterführende "shots"
zu wählen: "I intend to describe these relations as `facets´
as facet has connotations of a shot being multifaceted." "Shots"
erhalten Bedeutung durch die "shots", mit denen sie durch
Tags verbunden sind, während in der monolinearen Filmerzählung
allein der Inhalt der "shots" die Voraussetzung für ihre
Kombinierbarkeit liefert. Für Miles ist die Bezeichnung dieser
"combinatory environments" als interaktiv "a commonplace
(and naïve error)..." (7/2009).
- Munster, Anna: Compression
and the Intensification of Visual Information in Flash Aesthetics.
Vortrag, Melbourne DAC, the 5th International Digital Arts and Culture
Conference. School of Applied Communication, Royal Melbourne Institute
of Technology, Melbourne, 22.5.2003. Munster erklärt die in Flash-Anwendungen
erkennbare Ästhetik im Kontext der Geschichte der Animation. Sie
beschreibt die Durchdringung von Formen der amerikanischen Animationen
für TV-Serien, Videoexperimente und Kurzfilme mit japanischen Entwicklungen
der Mangas und "anime subcultures". Daraus ergab
sich ein Zeichenstil für flächige Raumandeutungen ("flat
aesthetic space"). Diese Rückkehr zu und Erneuerung von Traditionen
der Animation ist eine Gegenentwicklung zur "mainstream articulation
of digital visuality as realistic, organicist and seamless 3D animation"
in Spielfilmen wie "Terminator 2" (1992) und "Jurassic
Park" (1993).
In Anwendungen der Flash Vektorgrafik und Codec Kompression unter Netzbedingungen
(mit Plug-Ins für SWF-Formate) erkennt Munster Weiterentwicklungen
einer japanisch-amerikanischen "`proto-networked´ sociality"
(seit den siebziger Jahren) und widerspricht damit Manovichs Behauptung,
dass Software Artists "from scratch" arbeiten (Generation
Flash, 2002, s.o.). The
Futurefarmers beziehen sich explizit auf "kawai"-Bilder
japanischer Anime und Mangas.
Mit Flash werden Animationen nicht mehr als Sequenz aus statischen Bildern
(mittels Bitmapping auf Rastern lokalisierte Pixel), sondern als vektorielle
und temporale Variablität programmiert, die sich mit der Codec-Kompression
auch mit nicht synchronen Tonfolgen in guter Qualität verbinden
lassen. Websites von hi, Res! (Alexandra Jugovic/Florian Schmitt: Soulbath,
2000) und Yugo Nakamura (Yugop, 1998-2002)
enthalten Projekte, in denen BeobachterInnen die Bildschirmpräsentation
duch Mausklicks und Rollover so verändern können, dass erkennbar
wird, wie sehr die Programmierung auf diese Verläufe ausgerichtet
ist: "...encounters with temporality in nonlinear modes."
Der Cursor erzeugt in "image time" nicht nur lokale Veränderungen
als "effects of differential speeds", sondern auch Veränderungen
in größeren Bildschirmbereichen (parallel zu audiellen Modifikationen).
Der "computational space" löst spätestens mit Flash
den "modernist space" ab (Brian Massumi), während Manovich
Ersteren als Letzteren, aber mit digitaler Bildverarbeitung wie Flash
um Komplexität Erweiterten interpretiert (Abstraction
and Complexity, 2003) (8/2009).
- Munster, Anna: Data
Undermining. The Work of Networked Art in an Age of Imperceptibility.
In: Bray, Anne/Dockrey, Sean/Green, Jo-Ann/Navas, Eduardo/Torrington,
Helen (Hg.): Networked. A (Networked_Book) about (Networked Art). 2009.
Plattformen im Web 2.0 bieten Zugriffe auf Daten, welche aus dem Verhalten
vieler NetzbesucherInnen ermittelt wurden. Die RezipientInnen sehen
die Resultate, während gesammelte Daten ihrer Spuren sowie die
Datenerhebung und die Datenauswertung unsichtbar bleiben: Das Komplement
zur Datenvisualisierung ist Unsichtbarkeit. Munster stellt Projekte
von KünstlerInnen als GegenspielerInnen zu diesem Prozess vor.
Erweiterungen des Firefox Browsers in Projekten wie MAICgregator
(2009) von Nick Knouf, SpaceShift
(ab 2006) von Dan Pfiffer und Mushon Zer-Aviv sowie Traceblog
(2008) von Eduardo Navas machen auf Strategien aufmerksam, Sicht- mit
Unsichtbarkeit auf intransparente Arten zu kombinieren.
"Traceblog" führt eine Strategie vor, sich unsichtbar
für Datenerhebungen von Surfverhalten zu machen. Nach Munster geht
es bei den Auswertungen von NutzerInnendaten im Web 2.0 nicht um Verstöße
gegen die Privatsphäre, da die hinterlassenen Spuren nur als Daten quantitativ
ohne Referenz auf Individuen, die sie verursacht haben, ausgewertet
werden. Das statistisch errechnete Verhalten der DurchschnittsnetzbesucherInnen
führt zu einer Verflachung der Bezüge zwischen RezipientInnen
und Angeboten: "Automatic aggregation tends to perform operations
that reduce the relations between data to commonalities rather than
differences." Den Verhaltenspatterns und "commonalities"
sollen künstlerische Projekte entgegenwirken. Die Projekte müssen
dafür neue Wege unter aktuellen Netzbedingungen finden: "To
data undermine, then, is to radically automate and to automate radically
as a careful ethical and aesthetic gesture." (8/2009)
- Munster, Anna: Welcome
to Google Earth.
In: Kroker, Arthur und Marielouise (Hg.): Critical Digital Studies.
A Reader. Toronto 2008, S.397-416.
Google Earth erweitert die Möglichkeiten, Bilder der Erde BeobachterInnen
für die Suche nach Orten zugänglich zu machen. Kooperationen
zwischen BeobachterInnen durch wechelseitiges Anbieten und Bearbeiten
von Daten ist nicht nur bei Google Earth ausgeschlossen, sondern auch
bei Google Search. Der Algorithmus von Google Search zählt auch
die Häufigkeit der Klicks auf Plattformen, die Kooperation und
Kommunikation ermöglichen, doch bietet Google Search keine Funktionen
von "sociable media".
Das System der Abrechnung mit WerberInnen von Google AdWords legt die
Beitragshöhe auf der Basis der Häufigkeit der Klicks fest,
die von dem werbenden Link zur beworbenen Website führen. Dieses
System setzt den Suchsystem-Algorithmus mit Schlagworten voraus, um
auf Google und auf für Google AdSense eingerichteten Webseiten
die passenden Werbelinks erscheinen lassen zu können.
Google Search und Google AdWords gehen davon aus, dass die Häufigkeit
von Klicks Präferenzen von NetzbesucherInnen widerspiegelt: Die
Häufigkeit ist die Grundlage des Ranking und der Abrechnung mit
WerberInnen. Der Bezug zwischen statistischem Wert und einzelnen NetzbesucherInnen
schließt Interaktion und somit soziale Aspekte aus. Munster sieht
diese Ausklammerung des Sozialen als Eigenschaft des Neoliberalismus
und findet sie auch im Präferenzutilitarismus von Richard Mervyn
Hare. Eine "kreative postindustrielle Informationskultur"
arbeitet mit dieser Ausklammerung des Sozialen (als "schwarzes
Loch", als gäbe es kein kommunikatives Handeln zwischen Individuen,
sondern nur vereinzelte Personen) durch die Gleichsetzung des Besten
mit dem von der Mehrheit Gewählten.
Übermorgen.com, Alessandro Ludovico und Paulo Cirio betreiben das
Projekt GWEI Google Will Eat Itself.
Google AdSense wird eingesetzt, um über ein System von Websites
und Klicks produzierenden UnterstützerInnen Einnahmen zu erzielen,
die in Aktien von Google investiert werden. Die Aktien sollen wiederum
den UnterstützerInnen übertragen werden. Auf der Website des
Projektes wird angegeben, wie weit das Ziel entfernt ist, Google durch
Aktienkauf zu übernehmen. Munster sieht in GWEI einen Ansatz für
eine Soziales integrierende alternative Netzpraxis und skizziert in
einem Ausblick deren über GWEI hinausgehende Möglichkeiten
für "alternative, distributed aesthetics" (8/2009).
- Munster, Anna: The
Image in the Network.
Vortrag, New Network Theory: International Conference. Universiteit
van Amsterdam, Amsterdam, 28.6.2007. In: New Network Theory Reader.
Collected Abstracts and Papers. Amsterdam 2007, S.6-15. Munster meint,
in Benjamins Vergleich der Allegorie mit dem Symbol Letzteres durch
das Diagrammatische ersetzen zu können: Das Symbol wahrt die "Identität
von Besonderem und Allgemeinem", während die Allegorie "ihre
Differenz [markiert]" (Benjamin). Munster interessiert, wie Diagramme
mit der Vagheit der Relation zum Dargestellten an Allegorischem gewinnen:
"...a kind of becoming allegorical of the diagrammatic."
Als Beispiel dafür erwähnt sie Digg
Swarm der Digg Labs, das die in der Plattform Digg gespeicherten
Hinweise von TeilnehmerInnen auf interessante Webseiten auf dynamische,
sich selbst aktualisierende Weise veranschaulicht. Fidg't
Visualizer kombiniert zwei Plattformen (Flickr, LastFM): Mittels
"Tag Magnet" können TeilnehmerInnen Relationen zu anderen
TeilnehmerInnen erkennen und die integrierten Funktionen abrufen. Einerseits
werden Datenvisualisierungen zum "diagram as activity and process"
erweitert, andererseits wird so auch die "endless generation of
its own redundancies" erleichtert.
Geotagging auf Google (mittels Google Maps API) charakterisiert Munster
als "a mash up of the diagram and the allegory in network visuality."
Sie sieht in den erwähnten Beispielen "the potential for both
the disjunctive (diagrammatic expanded in its expressive capacities)
and the temporal (allegorical as a mode of unfolding historicity) to
play more overt and generative roles in our images and imaginings in
networks." (8/2009)
- Munster, Anna: Nerves
of Data. The Neurological Turn in/against Networked Media.
In: Computational Culture. A Journal of Software Studies. Issue One/2011.
Anna Munster kritisiert den "neurological turn" und dessen
prominentesten Vertreter Nicolas Carr: Er stützt seine These, dass
die Folge des Surfens im Netz nicht nur oberflächliches Denken
sei, sondern es auch Folgen für die Denkfähigkeit habe, auf
eine Studie von Gary Small, der das Verhalten von Netzsurfern mittels
Functional Magnetic Resonance Imaging (fMRI) festhielt. Munster zeigt,
dass Carrs Fundierung seiner Kritik auf fMRI nicht stichhaltig ist,
da deren Diagramme solche Ableitungen nicht zulassen.
Die zeitgenössische Aritificial Intelligence-Forschung löste sich
von neuronalen Grundlagen, wie sie Warren McCulloch und Walter Pitts
in den vierziger Jahren ihrer kybernetischen Neurophysiologie zugrunde
legten. Aktuelle Programme lernen vom Imformationsfluss in großen
Datenbanken für Vorhersagen künftiger Entwicklungen. An Googles
Plan einer Prediction API kritisiert Munster die Rekursionen zwischen
Surferverhalten und Lernverhalten der Software: "...it automates
the development process making it in some fundamental ways non-participatory."
Wenn Netzsurfer die Vorhersagen über ihr Verhalten erfahren, dann
müsste dies nach Carrs Interpretation ihre neuronale Struktur so
zur Anpassung verleiten, dass sie sich in Zukunft nur noch der Vorhersage
folgend verhalten.
Aus der problematischen aktuellen "Neuropolitik" führt
nach Munster eine Kritik einer ausschließlich neuronalen Fundierung
der Rezipientenforschung. So kann fMRI auch in Denkrahmen eine Rolle
spielen, in denen Denken, Handeln und Wahrnehmen als kognitive Fähigkeiten
nicht ausgeklammert werden: Die von fMRI gelieferten Bilder können
"as filements of the complexity of neuro-affective-perceptual-cognition"
gerade wegen ihres diagrammatischen Charakters dienen, der zwischen
Icon und Index dynamische Relationen zulässt. Diese "machinic
assemblage...of possible fields, of virtual as much as constituted elements"
(Felix Guattari: Chaosmosis. An ethico-aesthetic paradigm. Sydney 1994,
S.35) ermöglicht es, die aktuelle "Neuropolitik" vor
dem Horizont einer "different `version´ of the relation between
brains, thought and (soft) technics" in einem kritischen Licht
zu sehen (4/2013).
- Navas, Eduardo: Modular
Complexity and Remix. The Collapse of Time and Space into Search.
In: AnthroVision. Vol.1.1. September 2012. In YouTube archivierte Remix-Videos
zeigen die Reaktionen ihrer AutorInnen auf das Zuspiel von Videos: Da
das Original sich nur schwer oder nicht mehr über das YouTube-Suchsystem
finden lässt, reagieren AutorInnen von Remix-Videos auf Remix-Videos.
Da Suchsysteme und Plattformen die neuesten Einträge begünstigen,
beeinflussen sie, was gefunden wird. AutorInnen von Remix-Videos reagieren
auf die letzten Versionen meistens, ohne ältere Versionen oder
den Start der Serie zu kennen, da die Vorlagen für Remix-Videos
mit den in Plattformen integrierten Suchsystemen häufig nicht zu
finden sind. Wenn Korporationen die Plattformbetreiber auffordern, Urheberrechte
verletzende Remix-Videos zu entfernen, dann fehlen zudem Teile der Remix-Serie.
Archiviert werden die Versionen nicht, um ihre Genese nachvollziehbar
zu präsentieren, sondern um möglichst viele Plattformbesucher
zur neuesten Version zu leiten. In der Art, wie Suchsysteme und Plattformen
das Klickverhalten lenken, verfolgen sie ihre Geschäftsmodelle.
Aus dem Zusammenwirken dieser von Geschäftsmodellen bestimmten
Netzbedingungen ergibt sich für BetrachterInnen und AutorInnen
von Remix-Videos: "...the now rules..." (pdf S.26)
Diese "ahistoricity" (pdf S.2) wird von der Distribution von
"constant updates" (pdf S.4) unterstützt, die ältere
Software-Versionen und die mit ihnen bearbeiteten Remix-Varianten teilweise
unzugänglich machen: "Those who are invested in knowledge
and history as a living discourse must truly consider the stage we are
entering with algorithms that privilege the growing economy of the now."
(pdf S.27) (3/2013)
- Pias, Claus: Das
digitale Bild gibt es nicht. Über das (Nicht-)Wissen der Bilder und
die informatorische Illusion.
In: Zeitenblicke, Nr.1/2003. Die sozialhistorische Bedeutung von Informationssystemen
zeigt Pias an der Geschichte der Kybernetik auf. Vor diesem Hintergrund
weist er das digitale Bild als Resultat informationsgebender Verfahren
aus, das nur in Präsentationsmedien als Bild erscheint. Dieser
"transzendentale Schein" (Kant) der Resultate bildgebender
Verfahren sollte aber nicht zu Verwechslungen mit analogen Bildern führen.
Deren Einmaligkeit und Statik (Irreversibilität) führten in
der Kunstgeschichte zu Formen der Archivierung, die sich nicht direkt
auf dynamische, prozessierbare (reversible) Datensysteme übertragen
lassen.
Wie Kybernetik nicht nach Sachverhalten, sondern nach Möglichkeiten
von Systemen bzw. Medien fragt, so fordert Pias als Medienwissenschaftler
die KunsthistorikerInnen auf, nicht alte Anforderungen in neue Medien
zu übertragen, sondern die mit der Digitalisierung und Vernetzung
veränderten Grenzen des technisch Möglichen als Anlaß
zur Selbstbefragung und Erneuerung zu nutzen: von einer digitalisierten
zu einer digitalen Kunstgeschichte (2/2004).
- Picot, Edward: Play
on Meaning? Computer Games as Art.
In: Furtherfield Review, 30.4.2009; The
Hyperliterature Exchange, Mai 2009. "Computerspiele genießen"
nach Picot "eine Sonderstellung im Kanon der Medienkunst"
("new media art"), da sie Erwartungen an Interaktivität
wecken. Picot streift die Geschichte der Computerspiele von den Adventure
Games bis zu Myst (1993), um dann zwischen "interactive fiction"
und "hypertext fiction" Verbindungen herzustellen. Dabei wird
erkennbar, dass er Interaktivität im Sinne des Erforschens eines
Werkes und nicht im Sinne von Mitschreibeprojekten meint: Werke als
begrenzte Einheiten mit Zeichen und Funktionen, welche die Imagination
der RezipientInnen stimulieren, statt sich durch Kooperation und Kollaboration
verändernde offene Projekte. Picot konzentriert sich nicht nur
auf diese eingeschränkte Interaktivität, sondern stellt Spiele
von unabhängigen AutorInnen vor, die im Vergleich zu Computer Games
durch die Reduktion auf wenige Funktionen auffallen, welche zur Fortsetzung
des Spielverlaufs betätigt werden müssen.
Molleindustrias Free
Culture Game (2008) verzichtet auf ein Spielende mit GewinnerInnen,
um den Kampf zwischen Open Source Verbreitung von Software und der Vermarktung
von Urheberrechten als auf kein absehbares Ende zulaufend vorzustellen.
Die Spieltaktiken stehen stellvertretend für die aktivistischen
Taktiken, einen Sieg der Kommerzialisierung von Urheberrechten zu verhindern.
Picot meint, dass die erforderlichen Spielzüge vom Ziel des Projektes
ablenken das kann auch anders ausgelegt werden.
Mit Samorost 2 (2005)
von Amanita Design und The
Graveyard von The Tale of Tales (Auriea Harvey/Michael Samyn) zeigt
Picot Beispiele für Games, bei denen nicht Spielfunktionen, sondern
andere Qualitäten die Zeichenwelt, die Geschichte und ihre
Animation im Vordergrund stehen. Wenn in "Samorost 2"
SpielerInnen Spielzüge ausführen, entsteht der Eindruck, dass
sie dies zur Entfaltung der Geschichte tun. In "The Graveyard"
dienen Cursorbewegungen mittels Pfeiltasten vor allem dazu, einen vorbestimmten
Ablauf zu aktivieren: "...the game´s most important qualities
are negative ones..." Entscheidend ist für RezipientInnen
der Nachvollzug des Animationsablaufs.
Computerspiele sind für Picot Kunst, wenn sie Erstens die Spielstruktur
als Grundlage von Deutungen nahelegen, Zweitens Herausforderungen an
SpielerInnen vermeiden, auf Spielsituationen mit geübten Fähigkeiten
zu reagieren, und Drittens Distanz zwischen SpielerIn und der zentralen
Spielfigur schaffen. Die Konzentration auf den Ablauf einer Geschichte
steht im Vordergrund (8/2009).
- Prada, Juan Martin: Web
2.0 as a New Context for Artistic Practices.
Vortrag. In: Prada, Juan Martin (Hg.): Inclusiva-net. New Art Dynamics
in Web 2 Mode. First Inclusiva-net Meeting. Medialab-Prado. Madrid,
Juli 2007, S.6-21. Der Vortrag hat Pamphlet-Charakter. Gegen die unfreiwillige
Unterstützung kommerzieller Plattformen ("social networks"),
die das Bedürfnis der TeilnehmerInnen nach Mitteilung auswerten,
soll "the movement for `free data´" via "social
software" zu einer Rekonfiguration in "net.art 2.0" führen,
welche die "connected multitude" sich zu einer "co-intelligence"
zu formieren ermöglichen soll.
Prada schreibt den "metadata" ("classifying, tagging,
selecting, voting, scoring, etc.") eine zentrale Rolle zu und nennt
Subvertr von Les Liens Invisibles
und 10 x 10 von Jonathan Harris
als Beispiele. Wertung: Leider viele Schlagworte und wenig Konkretes
(7/2009).
- Raqs Media Collective: Value
and its other in electronic culture: slave ships and pirate galleons.
In: Kingdom
of Piracy <KOP>. DIVE 0.1. Druckfassung in: Medosch, Armin
(Hg.): DIVE. An Introduction into the World of Free Software and Copyleft
Culture. CD ROM und Buch. FACT, Liverpool/Virtualcentre-Media.net 2003,
S.30-36. Die Piraterie als Folge einer bestimmten Stufe der Entwicklung
des Kapitalismus wird von dem AutorInnenkollektiv (Shuddhabrata Sen
Gupta, Jeebesh Bagchi, Monica Narulaaus) aus Neu Delhi detaillierter
erörtert. Die Piratenschiffe und die Insel-Pseudo-Republiken von
Piraten liefern die Stichworte, um die aktuelle Auseinandersetzung um
geistiges Eigentum (als neue Ware) und Peer-to-Peer Netzwerke zu beschreiben:
Der Begriff "Piraterie", den die Rechteindustrie gegen ihr
nicht genehmes Kopieren von Software sowie digital(isiert)en Audio-
und Filmwerken als diffamierendes Schlagwort einsetzt, wird zum Anlass
für eine Wirtschafts- und Sozialgeschichte, in der "electronic
piracy" als Reaktion auf die korporativ organisierte, private Enteignung
von allgemeinen Gütern geboten erscheint. Der Titel der Plattform
"Kingdom of Piracy" (s. o., Plattformen)
erscheint als Motto digitaler Piraten-Republiken (2/2004).
- Richard, Birgit: Media
Masters and Grassroots Art 2.0 on YouTube.
In: Lovink, Geert/Niederer, Sabine (Hg.): Video Vortex Reader. Responses
to YouTube. Institute of Network Cultures. Hogeschool van Amsterdam/University
of Applied Sciences. Amsterdam 2008, S.141-152. Richard stellt Forschungsergebnisse
des YouTube Research Lab der Goethe Universität in Frankfurt am
Main (Institut für Kunstpädagogik, Bereich Neue Medien) vor.
Die verschiedenen Formen der Clips wurden kategorisiert (s. Arbeitsfassung
eines Ordnungsschemas). Richards Beschreibung der Clipformen ermöglicht
eine unvoreingenommene Sicht auf die Videobeiträge in YouTube.
In einer thematischen Engführung auf Clips, die unter den Tags
"Art" und "Kunst" zu finden sind, führt sie
das Verhältnis zwischen Features von Kunstereignissen und eigenständigen
Beiträgen vor. Eigenständige Beiträge werden in YouTube
nicht unter der Kategorie "Art" gespeichert. Wer nach neuen
Ausdrucksformen in YouTube sucht, findet sie nicht über das Tag-System.
Richard weist YouTube Clips als "a supplement, a marginal but important
fresh addition and revitalisation of art" aus (7/2009).
- Ries, Marc: Überlegungen
zu einer Kartographie des Unsichtbaren. Stadterfahrung und Internet.
Vortrag, "Negotiating Urban Conflicts", Konferenz, Institut
für Soziologie, Technische Universität Darmstadt, 8.-9.4.2005.
Auf Englisch in: Berking, Helmuth/ Frank, Sybille/Frers, Lars/Löw,
Martina/Meier, Martina/Steets, Silke/Stoetzer, Sergej (Hg.): Negotiating
Urban Conflicts. Interaction, Space and Control. Bielefeld 2006, S.167-175.
Marc Ries beschreibt Stadterfahrungen als Relationen zwischen Sicht-
und Unsichtbarem. Nur über die abstrakte Gesamtansicht der Karten
wird das im Kontext wegen der perspektivischen Brechungen der PassantInnen
Unsichtbare faßbar. Im Vergleich zum "abstrakten Grundriß
für den planerischen Blick" eröffnet das Web "einen
eigenen Raum, einen sozio-medialen Raum, der Teil einer Geoästhetik
der Medien ist." "Das Internet funktioniert nicht wie ein
geographischer Raum mit einem Hier und einem Dort, es ist ein rein relationaler
Raum mit dem ausschließlich ein Hier und ein Jetzt gegeben ist."
Das ermöglicht "mediale[...] Schnittstellen" für
eine "Beteiligungsdemokratie" (4/2013).
- Rossiter, Ned: Processual
Media Theory.
Vortrag, 22.5.2003. In: Melbourne DAC, the Fifth International Digital
Arts and Culture Conference. School of Applied Communication, RMIT (The
Royal Melbourne Institute of Technology), Melbourne 2003. Empirische
Medienforschung versucht das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen
und durch Elementarisierung die Voraussetzung für eine Datenerfassung
zu schaffen. In dieser "realen Abstraktion" (Louis Althusser)
gehen die Zusammenhänge und Möglichkeiten des Mediengebrauchs
verloren, die Rossiter über einen prozessbezogenen Ansatz erfassen
will. Er konstatiert Zeitmodi "rhythmic, instrumental, scalar,
biological, compressed, flexible and so forth" , die sich
im Gebrauch von verschiedenen Medien wie Internet, Mobiltelefon mit
SMS, Echtzeit-Video oder Audiodateien auf unterschiedliche Weise durchdringen.
Zusammenhänge zwischen Medieneigenschaften und ihrem sozialen,
politischen oder ökonomisch motivierten Gebrauch will Rossiter
aufzeigen. Er diskutiert offene und geschlossene Systeme (Gregory Bateson,
Niklas Luhmann, Ilya Prigogine, Isabelle Stengers), um Strukturen zu
finden, die technische Eigenschaften und RezipientInnen in bestimmte
Bezugsfelder setzen. Die Zeitdimension, in der sich diese Felder entwickeln,
spielt auch in der Reflexion der Beobachtungsposition der Medientheoretikerin/des
Medientheoretikers eine Rolle. Sie/er ist in denselben Evolutionsprozess
integriert, in den sie/er die Entwicklung von Medientechnik und -gebrauch
eingebettet sieht: "...processual media theory itself is implicated
in the systems of relations it describes..."
Als Modell verwendet Rossiter Michael Goldbergs Installation "catchingafallingknife.com"
(Sydney 2002), die drei Wochen Börsenspekulation durch Kauf und
Verkauf der News Corp Aktien (Rupert Murdochs News Corporation) vorführt
und mit verschiedenen Börsenprogrammen zeigt, was aus 50.000 australischen
Dollars wird (7/2009).
- Ryan, Marie-Laure: Cyberspace,
Cybertexts, Cybermaps.
In: dichtung-digital. Ausgabe 1/2004 (6.Jg./Nr.31). Die Autorin spannt
einen Bogen von geographischen, mit Karten erfassten Räumen über
Karten als Visualisierung von fiktionalen (Handlungs-)Räumen zu
Datenräumen. "Statische Karten" mit und ohne Referenzen
auf Realräume ("Myst"; Coverley, M.D.: Califia,
Eastgate 2000) und "dynamische Karten", die nach Daten suchen,
mit denen sie anschauliche Systeme konstruieren (Walczak, Marek/Wattenberg,
Martin: Apartment,
2001), bilden die beiden Pole ihrer Beschreibungen von Beispielen aus
den Bereichen Hypertext-Literatur für CD-ROM und Netz, Computerspiele
und Netzkunst. So wählt Mary Flanagans [Phage]
(2000) Daten der Festplatte, kombiniert und zeigt sie in dreidimensionalen
Bewegungen "like pieces of trash on a windy day at the dump".
Mit "[Phage]" erscheint "the anti-mapper to all mappers"
(Dillon, George L.: Writing with Images. Towards a Semiotics of the
Web. Washington 2003, chap.
6.2) als letzte Konsequenz von Datensystemen, die selbstbezüglich
Datenlandschaften generieren ("Civilization", "The Sims":
"let the gameworld serve as its own map").
Als "revenge of geography" stellt Ryan Ubiquitous Computing
mit Ortungstechniken wie GPS vor. 34
North 118 West von Jeff Knowlton, Naomi Spellman und Jeremy Hight
dient Ryan als Beleg für eine Rückkehr der realen Referenten
und eines Mapping, das nicht mehr beliebig Spielräume für
Datenvisualisierung eröffnet. Das Lokalisieren von Beiträgen
zum Abruf im Realraum (<Geo-Notes>) und auf Karten (<Geo-Tagging>)
erscheint Ryan wie die Rückkehr zum Anfang der Mediengeschichte
des Textes: "...the space odyssee of the text reconnects the micro-space
of computer memory and the mega-space of the Internet with the measurable
human-scale space of the world...the text rediscovers its root in the
real world geography" und kehrt nach seiner Reise durch
materielle und immaterielle Textwelten zurück an den Start der
"Odyssee" in Kulturen mündlicher Überlieferung (4/2007).
- Sack, Warren: Aesthetics
of Information Visualization.
In: Lovejoy, Margot/Paul, Christiane/Vesna, Victoria (Hg.): Context
Providers. Conditions of Meaning in Digital Art. Bristol 2011, S.123-150.
Erstens: Die frühen Konzepte für Computer
von Alan Turing, Norbert Wiener und Douglas Engelbart thematisierten
Datenverwaltung in der Bürokratie als Anwendungsbereich.
Zweitens: Sack schlägt auf der Suche nach Vorläufern
künstlerischer Strategien für die Visualisierung von Daten
Konzeptuelle Kunst vor: Der Verwaltung entlehnte Präsentationsformen
wie der Index
01 von Art & Language (1972) dienten einer Gesellschaftskritik,
die auch korporative Strategien, darunter die Verwaltung großer
Datenmengen, thematisierte.
Drittens: Sack verknüpft diese beiden Argumentationsstränge,
die Digitalisierung und die Kritik der Verwaltung mit ihren eigenen
Mitteln. Die "body politic" entwickelte sich im 18. und 19.
Jahrhundert von einer Körper um das Zentrum der Macht kreisförmig
organisierenden absolutistischen Herrschaft ("the `star´
network") zu einer demokratisch-rhizomatischen "government
of things". Einen Aspekt dieses Systems visualisieren Josh On &
The Futurefarmers in They Rule
(2001/2004) an Hand der Vernetzungen zwischen Firmen durch Personen
in Aufsichtsräten und Führungspositionen verschiedener Unternehmen.
Alternative Netzwerke wie MoveOn.org
oder SMS-Netze könnten durch Visualisierungen ihrer Relationen
zu einer "visual form to show the Body Politic itself to itself"
führen. Sack streift das Problem der kritischen Selbsteinbettung
in Gesellschaft (und nimmt damit in erweitertem Rahmen
die kritische Selbsteinbettung von Art & Language in den Kunstbetrieb
auf): Kontextreflexivität der größeren sozialen Rahmen,
die nicht wahlweise gegen andere ausgetauscht werden können, ist
die unausgesprochene, aber im letzten Satz von Sack angedeutete Konsequenz,
Datenvisualisierung kritisch einzusetzen: "...we need to see ourselves
and our imagined communities within our larger political and cultural
contexts." (7/2009)
- Schleiner, Ann-Marie: Dissolving
the Magic Circle of Play. Lessons from Situationist Gaming.
In: Baigorri, Laura/Berger, Erich/Dragona, Daphne (Hg.): Homo
Ludens Ludens. Kat. Ausst. LABoral Centro de Arte y Creación
Industrial. Gijon 2008, S.164-171 (auf Spanisch), 276-281 (auf Englisch).
Schleiner stellt Beispiele für "ludic interventions"
vor, welche die Grenzen von Spielen ("plays" und "games)"
überschreiten. Johan Huizingas Konzept des "Zauberkreises
des Spiels" ("toovercirkel"), das die Theorien
über Games (einschließlich Pervasive Games) bis heute
bestimmt, konfrontiert Schleiner mit einem situationistischen Ansatz.
Sie durchsetzt ihren Text mit Zitaten von Guy Debord und Gilles Ivain/Ivan
Chteglov.
Huizinga thematisierte die Grenze zwischen Spiel und Umwelt, während
die Situationisten Umwelt als Spielfeld verstanden: Das Spielerische
als kritische Strategie ist nur als Praxis im kritisierten Kontext möglich.
Schleiner greift die Gesellschaftkritik der Situationisten auf, ohne
die Psychogeographie in einen Begriff der Umweltpsychologie umzudeuten,
wie es in vielen Texten über Projekte mit Locative Media geschieht,
als ginge es nur darum, von urbanen Zuständen nur die Atmosphären
zu erfassen (Beispiel: Jane McGonigal: This Might Be a Game, s.o.).
Ihre eigene Praxis in "Velvet-Strike", "Operation Urban
Terrain (OUT)" (August 2004, s. Sammeltipp 2, Teil
2) und "Riot Gear for Rollartista", Games mit MitspielerInnen
im (realen wie virtuellen) Spielfeld zu verändern, zeigt Aktivismus
auf und in Spielfeldern als Strategie, das Ziel der Situationisten weiter
zu verfolgen, Lebenswelt zu verändern: "We don´t want
to play by rules we never agreed upon in the first place." (7/2009)
- Sentamans, Mario-Paul Martinez Fabre y Tatiana: The
Lapses of an Avatar: Sleight of Hand and Artistic Praxis in Second Life.
Vortrag. In: Prada, Juan Martin (Hg.): Inclusiva-net. New Art Dynamics
in Web 2 Mode. First Inclusiva-net Meeting. Medialab-Prado. Madrid,
Juli 2007, S.51-76. Second Life-Projekte von KünstlerInnen werden
vorgestellt und teilweise genauer beschrieben. Projekte, die Zusammenhänge
zwischen Virtualität und Wirklichkeit thematisieren, werden Arbeitsweisen
gegenübergestellt, die medienimmanent vorgehen. Als Beispiel für
Ersteres wird "Imaging Place SL: U.S./Mexico Borders" (John
Craig Freeman) vorgestellt. Medienimmanent dagegen gehen "Hyperformalism"
(Dancoyote Antonelli), "Code-Performance" (Eva und Franco
Mattes) und "La-Interactiva" (Richard Gras u.a.) vor. Wertung:
Brauchbare Einführung (7/2009).
- Simanowski, Roberto:
The Compelling Charm of Numbers. Writing for and thru the Network of
Data.
In: Biggs, Simon (Hg.): Remediating the Social. University of Bergen.
Department of Linguistic, Literary and Aesthetic Studies. Bergen 2012,
S.20-27. Roberto Simanowski sieht in Facebooks Timeline eine Wiederaufnahme
von Chroniken des Mittelalters, die Account-Inhabern Varianten zwischen
Organisationsformen von Databases und Narrativem erlaubt. Das Narrative
als sich in der Geschichtsschreibung äußerndes menschliches
Bedürfnis, Zusammenhänge zu schaffen, sieht Simanowski in
einem Spannungsfeld zur Ordnung isolierter Elemente in einer Database.
Mit Facebooks "Life Event" können Account-Inhaber biographische
Ereignisse als chronologische Folge dokumentieren, die einerseits Freunde/Freundinnen
beim Lesen nach möglichen Zusammenhängen ordnen können,
wenn sie dem menschlichen Drang nach der Schaffung von Übersichtlichkeit
durch vereinfachende Interpretationen nachgeben. Andererseits weist
Simanowski auf eine Tendenz zum Quantifizierbaren. Das belegt die Quantified
Self-Community, in der circa 40 Gruppen ihe Kenntnisse und Erfahrungen
mit digitalen, das Leben in Zahlen protokollierenden Technologien austauschen
(Quantified
Self). Facebook Timeline schließt an Database-Strukturen und
an die Tendenz, das eigene Leben in Zahlen zu fassen ("numerical
narratives", S.24) in einer Weise an, dass eine laufend aktualisierte
autobiografische und multimediale Chronik entsteht.
Die von Lev Manovich als "a new symbolic form of a computer age"
(S.25) ausgewiesene Database ist in neuen Anwendungen wie in Facebooks
Timeline "symbolic...for the ongoing shift from culture to economy"
"adding `value for the consumer´ but also, and first of all,
for the companies." (S.27). Für die Vermeidung von zu großen
Spannungen zwischen digitalen Datensammlungen und menschlichen Bedürfnissen
nach Narrativem sorgen also Investoren und Korporationen (4/2013).
- Simanowski, Roberto: Transmedialität
als Kennzeichen moderner Kunst.
In: Meyer, Urs/Simanowski, Roberto/Zeller, Christoph (Hg.): Transmedalität.
Zur Ästhetik paraliterarischer Verfahren. Göttingen 2006,
S.39-81. Der Begriff Transmedialität bezeichnet in Simanowskis
Definition den "Übergang konfigurierter Zeichenverbundsysteme
ineinander". Nach Jay David Bolters und Richard Grusins "Remediation:
Understanding New Media" (Cambridge/Massachusetts 1999, S.19-44)
gibt es in der "Geschichte der Vermischung verschiedener Formen
der Repräsentation" Darstellungsweisen, die BeobachterInnen
an das "Medium" erinnern oder es leugnen: "Hypermediacy"
und "Immediacy". Eine thematisierte Transmedialität ("Hypermediacy")
stellt Simanowski als zeitgenössische Konsequenz aus dem von Clement
Greenberg in "Towards a Newer Laocoon" (1940) artikulierten
Anspruch vor, dass Kunst "purity" durch die Akzeptanz der
Grenzen ihres Mediums mittels Reduktion aller Selbstbezüglichkeit
störenden Elemente erreiche. Problematisierungen der eigenen Medien
setzen nach Simanowski heute voraus, Multi-, Inter- und Transmedialität
zu thematisieren. Von der Reduktion von allem einem Medium Fremden
dies war der Kern von Greenbergs "formal criticism"/"modernism"
lässt sich ihr Anlass retten, also die selbstbezügliche
Reflexion des Mediengebrauchs, "denn Multimedialität ist die
logische Konsequenz der Übersetzung aller Informationen in einen
digitalen Code."
Simanowski thematisiert "Transmedialität" in Werken,
die nicht nur programmierte Medien enthalten. An Beispielen von Emmett
Williams ("13 Variations on 6 Words of Gertrude Stein", 1958/65)
und Tim Noble/Sue Webster ("Dirty White Trash (with Gulls)",
1998) stellt Simanowski verschiedene Arten der Transmedialität
vor. Williams überschreibt einen Text bis zur Unlesbarkeit. Der
Text wird zum visuellen Gewebe, nicht ohne auf seine Herkunft zu verweisen:
"Transmedialität besteht in der Potenzierung eines Mediums".
Noble/Webster installieren eine aus Müll arrangierte Skulptur so
vor einem Scheinwerfer, dass ein Schattenspiel entsteht. Die Skulptur
liefert mit ihrem Umriss als Lichtbrecher einen ungewöhnlichen
Anlass zum Recycling: Wird hier nur "Plastik zum Bild", oder
wird nicht vielmehr die Plastik in eine (Installation als) Vorführung
der Erzeugung von Schattenrissen integriert? Die Frage zeigt, dass Transmedialität
(auch) eine Frage der Beobachung ist und Simanowski thematisiert
Transmedialität als "Transfer, der im Moment der Rezeption
stattfindet...oder thematisiert wird".
Die programmierte Transmedialität stellt Simanowski mit Laurent
Mignonneau/Christa Sommerers "Life Spacies II" (1999, Internet
und Installation) vor: Texteingaben werden in Pflanzenformen transformiert.
Der "numerische Code" wird in Mapping Art zum Anlass "transmediale[r]
Kopien", die Datenkonfigurationen erstens im Hinblick auf
soziale Prozesse, die sie wiedergeben oder von denen sie erzeugt werden,
leichter lesbar machen, zweitens sie zum Anlass der Erzeugung
"abstrakter Gebilde" verwenden, oder drittens sie "in
den Dienst einer Aussage, wenn auch nicht über diese Daten selbst"
stellen. Mapping Art wird nicht nur als Problem der Festlegung von Codes
der Übertragung von Datenkonfigurationen thematisiert, sondern
auch als Problem der Plausibilität für BeobachterInnen.
"Visualisation art is concerned with the anti-sublime" meint
Manovich (in "The Anti-Sublime Ideal in Data Art", s.o.),
und Simanowski entgegnet ihm mit der Vorstellung von Mapping Art als
"neue Stufe des technisch Erhabenen", wobei KünstlerInnen
das "Unfassbare in verständliche ästhetische Formen"
bringen, ohne das Ästhetisierte kommentieren zu müssen. Mit
der Verschiebung der Kernfragen von Mapping Art vom Programmcode zu
den Wirkungen, die er maschinell erzeugt, und damit von "Meta-media"
(Manovich) zur beobachteten Transmedialität, kann Simanowski zwar
"die postmoderne Erfahrung, dass es keinen einen Punkt gibt,
von dem aus Wirklichkeit verstanden werden kann", nicht aber die
nicht beliebig pluralisierbare Wirklichkeit des Technisch-Digitalen
und ihrer Programmierung thematisieren. Dann wäre auch nicht mehr
der Medienübergang selbst, sondern die Programmierung und die technischen
Möglichkeiten ihrer maschinellen Umsetzung relevant. Und aus dieser
Perspektive sind "Programmierkenntnisse" nicht mehr nur <handwerklich>,
weil für transmediale Prozesse und andere brauchbar, sondern Programmiersprachen
(und die Kulturen der Programmierer) wären ein entscheidender Bezugspunkt
der Reflexion, während Transmedialität nur als Folge des Programmierbaren
erschiene (4/2007).
- Smith, Greg J.: Information
Visualization and Interface Culture.
In: Braman, James/Vincenti, Giovanni/Trajkovski, Goran (Hg.): Handbook
of Research on Computational Arts and Creative Informatics. Hershey/Pennsylvania
2009, Chapter XII, S.195-211. Wie Datenvisualisierung und die Möglichkeiten,
via Interface verschiedene Ansichten zu wählen, in der Geschichte
der Entwicklung der Computertechnologie zusammen kommen, thematisiert
Greg J. Smith.
Vanevar Bushs Memex
(Entwurf, 1945) und erste Head-Up Displays (HuD, ab 1968) enthalten
frühe Interfaces, die im ersten Fall für Verknüpfungen
zwischen Schriftdokumenten und im zweiten Fall zur Navigation von Piloten
geplant wurden. Das Interface/die Schnittstelle zwischen Mensch und
Maschine umfasste seit den sechziger Jahren mit Ausgabemedien wie Kathodenstrahlröhre
und Head-Up Display.
Das Graphical User Interface (GUI) des Xerox Alto Computer (1973) antizipierte
mit Maus, Fenstern, Icons, Schnittflächen und Steuerelementen das
GUI des Apple Macintosh (1984). Bereits Apples Lisa (1983) enthielt
Scrollbars, den Papierkorb, das Drag-and-Drop-Verfahren und ein Dateisystem,
wie sie bei Personal Computern über 25 Jahre lang Standard wurden.
Nach Lev Manovich wurde mit der Database die Information "modular"
und Remix zum naheliegenden Verfahren. Dies sind nach Smith auch die
Voraussetzungen für Datenvisualisierung. Aus der Interaktion mit
Interfaces von Programmen zur Datenvisualisierung ergibt sich eine neue
"data-subjectivity".
Die von John Maeda geleitete "The
Aesthetics Computation Group" und Ben Fry entwickeln Visualisierungen
für Interfaces, mit denen sich das Monitorbild verändern lässt.
Nach Steven Johnson (Interface Culture, 1997) ist diese Modifizierbarkeit
die Folge einer umfassenderen Trennung zwischen "raw data"
und der Art, wie wir sie auf dem Bildschirm erfahren. Frys Isometric
Blocks (2004) und Stamen Designs Oakland
Crimespotting (2007) sind nach Smith Beispiele für eine "pervasive
interface culture" mit "the implicit understanding that information
is modular and...a site for interaction."
Mit der Datenvisualisierung entwickeln sich Verhaltensweisen gleichzeitig
an den Interfaces wie gegenüber der durch die Daten fassbaren Wirklichkeit.
Burik Arikan bietet mit My
Pocket (2008) ein Interface für "self-surveillance".
In "My Pocket" lassen sich Interfaces und Umgang mit visualisierter
Realität nicht mehr trennen. Die Daten vergangener Transaktionen
(Einkäufe, Überweisungen) werden in "Transaction Graphs"
für Vorhersagen nach Wahrscheinlichkeitskriterien eingesetzt. Alle
Transaktionen erhalten mit dem errechneten Wahrscheinlichkeitsgrad auch
eine Information, wie weit die aktuelle Aktion mit älteren Aktionen
kongruent ist: "...if readymades are found in the past, predicted
objects are found in the future." (Arikan) (3/2013).
- Taylor, T.L.: Beyond
Management. Considering Participatory Design and Governance in Player
Culture.
In: First Monday. Special Issue Nr.7. October 2006. Taylor charakterisiert
vier Arten, SpielerInnenverhalten in das Design und Management von MMOGs
(Massively Multiplayer Online Games) einzubeziehen: "...players
as consumers, (potential) disruptors, unskilled/unknowledgeable users,
and rational/selfish actors." Sie vermisst dabei die Berücksichtigung
von aktiven SpielerInnen, die nicht nur Vorgaben folgen, sondern eigenständige
SpielerInnenkulturen bilden, die auch Folgen für die Spielweisen
haben.
Sony Online Entertainment arbeitet bei der Weiterentwicklung von EverQuest
mit SpielerInnen zusammen. Veranstaltungen für SpielerInnen sind
teils Werbeveranstaltungen und teils Treffen zwischen DesignerInnen
und SpielerInnen. Die Praxis, mit SpielerInnen, die auffielen, in "strong
participatory design" zusammen zu arbeiten und sie für die
Entwicklung anzustellen, kritisiert Taylor: Die Eigenständigkeit
von SpielerInnenkulturen und ihr Zusammenhang mit dem kulturellen Kontext
gerät mit SpielerInnen, die ihrem Arbeitgeber verpflichtet sind,
aus dem Blickfeld.
Als Beispiel für diese Eigenständigkeit erwähnt die Autorin
einen SpielerInnenstreik in "World of Warcraft" (Januar 2005),
der von Blizzard mit dem Hinweis beantwortet wurde, dass "protesting
in game" kein "valid way to give us feedback" sei. Die
Konten von SpielerInnen des "warrior protest", der auf einem
bestimmten Server an einem bestimmten Tag zu festgelegter Zeit andere
TeilnehmerInnen am Spielen hinderte, wurden gelöscht.
Auch wenn in dem Projekt Rapunsel
(2003-2006) von Mary Flanagan, Ken Perlin, Jan Plass und einem ForscherInnenteam
zwar ein Spiel, aber kein MMOG entwickelt wurde, so ist doch nach Taylor
die Integration von SpielerInnenverhalten in den Designprozess mit seinem
"core value set" beispielhaft: "autonomy, equity, access,
creativity, diversity, empowerment and authorship." (7/2009)
- Trogemann, Georg: Müssen
Medienkünstler programmieren können?
In: Fleischmann, Monika/Reinhard, Ulrike (Hg.): Digitale Transformationen.
Medienkunst als Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft und
Gesellschaft. Heidelberg 2004. In digitalen Medien erscheinen Programme
im "unscharfen Bereich der gesellschaftlich und sozial codierten
Nachrichten und Wahrnehmungsformen". Mit Beispielen aus der Geschichte
der Technik und der Wissenschaft plädiert Trogemann, Programmierung
in einer erweiterten, über Software hinausreichenden Perspektive
zu verstehen: "die Kulturgeschichte der programmierbaren Maschine"
als Wissen, ohne das die Funktionen von Programmen im zeitgenössischen
Alltag nicht hinterfragt werden können. Künstlerische Programmierung
soll aus dieser erweiterten Perspektive erfolgen. Allerdings verkürzt
Trogemann die sozialkritischen Aspekte mit seinem Vorschlag einer "Schule
der Kognition" für KünstlerInnen: Künstlerische
Medienkompetenz als Kenntnis des Zusammenwirkens von Interface und Code
ersetzt nicht Fragen nach ökonomischen und sozialen Einflüssen
auf Programmierung, Distribution und Programmanwendung. Die Feststellung,
dass KünstlerInnen die Erstellung von Programmcodes nicht mehr
an SpezialistInnen delegieren können und wollen, dient Trogemann
zur Aufforderung, sich mit Digitalisierung nicht nur auf der Ebene der
visuellen Wahrnehmung auseinander zu setzen, sondern auch mit Programmcodes.
Dennoch bleibt der Code bei Trogemann in der Funktion einer Projektionssteuerung
gefangen (6/2006).
- Waal, Martijn de: Towards
a Myspace Urbanism?
In: Lange, Michiel de/Waal, Martijn de: The Mobile City. Blog Archive,
22.12.2008. De Waal stellt soziologische Kriterien zur Entwicklung des
Stadtlebens vom 19. Jahrhundert bis heute vor. Im 19. und 20. Jahrhundert
war der öffentliche Stadtraum die Plattform, in der soziale Differenzen
wahrgenommen und im Zusammenleben ausgehalten wurden. Von diesem "Boulevard
(BLVD) Urbanism" unterscheidet de Waal verschiedene Formen von
technologisch von Laptop, mobile Geräte, Internet, WiFi und Mobilfunk
geprägte Öffentlichkeiten, die den Stadtraum durch Privatisierungen,
Ausgrenzungen und reduzierte Aktionsformen aufsplittern. Die zurückhaltendere
Form der Selbstdarstellung des distanzierten Beobachters/der BeobachterIn
in Bewegung im BLVD Urbanismus weicht im von sozialen Plattformen geprägten
Sozialleben partikularisierenden Formen der Selbstdarstellung. Dieser
"Myspace Urbanism" erleichtert Ausgrenzungen. Da wir heute
ohne Rücksicht auf Entfernungen kommunizieren, hat sich nach Danah
Boyd, Mark Shepard und Andere "the urban stage...extensively with
the rise of social networks like Facebook, MySpace, LiveJournal, Cyworld
or QQ" erweitert. Einerseits wandert die Selbstdarstellung in virtuelle
Räume, andererseits werden diese über Plattformen wie Plazes
(ab August 2004) oder Bliin (ab September
2006, s. Sammeltipp
1, Teil 3) mit den Bewegungen im realen Raum verbunden: Die "tracks
and traces" sind in Echtzeit aktualisierbar und kontinuierlich
archivierbar.
Die Anonymität der Großstadt des 20. Jahrhunderts wird von
wachsender sozialer Kontrolle abgelöst. Zugängliche Informationen
über Stadtviertel werden zur Bestimmung der dort dominierenden
Lebensformen ausgewertet: Websites mit Immobilienangeboten von MaklerInnen
wie Funda.nl ordnen Stadtgebieten
je "three dominant lifestyle categories" zu. Nicht mehr der/die
BürgerIn in der Öffentlichkeit (Jürgen Habermas), sondern
der/die KonsumentIn stehen im Vordergrund einer "sociology-for-the-market",
die über "lifeblogging and geotagging" sammelbare Daten
nutzt.
Im "iPhone Urbanism" bewegen sich die PassantInnen mit Mobiltelefon
und iPod in einer "virtual bubble", in der sie sich vom Stadtleben
zeitweilig ausgrenzen.
Aus dem Café als öffentlichem Treffpunkt wird im "Starbucks
Urbanism" ein "commodified non-place", in dem mehr mit
"absent others" als mit Anwesenden kommuniziert wird.
Im "Long Tail Urbanism" werden wir mit Informationen über
Stadtbereiche und Freundinnen/Freunde (Dodgeball, Februar 2000 - Januar
2009, s. Sammeltipp
1, Teil 1) konfrontiert, die wir nie gesucht haben: Die Plattformen
lassen uns erkennen, wer und was an welchem Ort zu unseren Vorlieben
passt: "spaces become heterotopic places".
Im "Ebay Urbanism" regulieren "reputation systems",
wer wen akzeptiert: "capsular spaces".
Die "networked urban spaces" verbinden das räumlich Abgelegene
mittels sozialer Plattformen: "...presence is becoming a hybrid
experience", wobei das Mobiltelefon als "a membrane",
nicht als "portal" eingesetzt wird: "The boundaries between
being in public or in private soften." (9/2009)
- Whitelaw, Mitchell: Art
against Information. Case Studies in Data Practice.
In: Fibreculture. Issue 11/2008: 7th Digital Arts and Culture Conference.
Perth 2007 (perthDAC 2007). Whitelaw wählt Netzprojekte, Skulpturen
und Videos einer "data art" und untersucht deren Umgang mit
Daten als ex- oder interne Elemente von Systemen. Die Systeme erlauben
oder verhindern Rückschlüsse auf Umwelt. Sie behandeln die
Daten als Teile einer Umwelt und versuchen, Rückschlüsse über
sie zu liefern, oder sie stellen sie nur in Relationen zu Metadaten
und bieten den RezipientInnen Möglichkeiten der Interpretation.
In anderen Fällen werden Resultate als ästhetisches Ereignis
ohne Informationen vorgestellt, die eine Rekonstruktion der sie erzeugenden
Datenverarbeitung erlauben könnten.
Golan Levins The
Dumpster (2006) und Jonathan Harris/Sep Kamvars We
Feel Fine (2006) visualisieren Blog Posts. Die Posts werden nach
Whitelaw alle gleich behandelt, ohne ihren Inhalt zu berücksichtigen.
Diese von Informationen befreiten Datensets liefern eine "uniform
diversity". Die Ausklammerung der Art der Datenproduktion in den
Visualisierungen führt zu einem "strangely naive sense of
collapsed indexicality."
Während die dreidimensionalen "Structures" (The
Spam Architecture series, ab 2005; The
Spam Plants series, 2006) von Alex Dragulescu ohne Informationen
über die ihrer Herstellung zugrunde liegende Verarbeitung von Daten
in Spam Mails "unheimlich" erscheinen, visualisiert Lisa Jevbratt
in 1:1 im Interface Every
(1999/2001) Daten des Internet als Ganzes. RezipientInnen können
über die Zugangsdaten zu Webseiten die Webseiten selbst aufrufen:
Die Herkunft der Daten ist transparent, doch wofür eine Datenvisualisierung
in rechtwinklig begrenzter Fläche brauchbar sein kann, bleibt offen.
Brad Borevitz eruiert in State
of the Union (ab 2006) die Häufigkeit des Vorkommens von Begriffen
im Archiv der Reden amerikanischer Präsidenten über den "State
of the Union" (seit 1790) mit statistischen Mitteln und visualisiert
sie. Während Borevitz die Herkunft der Daten einerseits vorführt
und ihre Wertigkeit (als Häufigkeit) andererseits in Diagrammen
abruf- und vergleichbar macht, schafft Jason Salavon Daten durch Abstraktion:
Videoframes werden in "Everything All at Once (Part I-III)"
(2001-2005) auf eine Durchschnittsfarbe reduziert, während der
Ton unverändert bleibt. Die Datenquelle wird zum "abject"
und zur "ultimately empty, mass of generic content."
Nach Whitelaw ist für Data Art der Gegensatz zwischen "data
in itself" und Information entscheidend. Die Projekte verarbeiten
Daten, können aber ihrer Lesbarkeit als Informationen (als Zeichen,
die in Zusammenhang mit anderen Zeichen und zeichenexternen Zusammenhängen
Bedeutung erhalten) nicht entgehen. Die Unterbestimmtheit der visualisierten
Daten eröffnet BenutzerInnen van Data Art Möglichkeiten zur
Deutung, wenn Zusammmenhänge zu ihrer Herkunft und ihrem Umfeld
nicht verloren gehen: Die Reduktion künstlerischer "data agency"
kann für die "data subjects" zum Vorteil werden. An der
Entwicklung von Weisen der Lesbarkeit der Daten ist Data Art nach Whitelaw
beteiligt. Die Projekte codieren ihre Metadaten und liefern damit RezipientInnen/"data
subjects" Vorgaben, wie solche Daten brauchbar sind: "This
metadata must in turn inform us data subjects..." (7/2009)
- Whitelaw, Mitchell: Hearing
Pure Data. Aesthetics and Ideals of Data-Sound.
In: Altena, Arie/Stolk, Taco (Hg.): Unsorted Thoughts on the Information
Arts. A Guide to Sonic Acts 10. Sonic Acts Press/De Balie. Amsterdam
2004. Die Vorstellung "reiner Daten" ("pure data")
widerspricht nach Whitelaw der Praxis: "The data is always and
inevitably ordered, organized, formatted..." Das jeweilige Format
und seine Umwandlung in andere Formate haben Folgen für die daran
anschließbaren Rechenprozesse. Formate für Klänge besitzen
in Jason Freemans Applikation N.A.G.
(Network Aurelization of Gnutella) nicht nur die transportierten
Inhalte, sondern sie werden auch in der Organisation der Suche nach
Stücken aus Gnutella (dezentralisierte Verbreitung von meist Klangdateien
via P2P) eingesetzt ("sonification", "auralization"),
wobei die Suche eingebbaren Schlagworten folgt. Klangformate dienen
Ben Hanson und Mark Rubin (Babble
online: Applying Statistics and Design to Sonify the Internet) dazu,
brauchbare Informationen in Daten zu suchen. Während auf Daten
in Formatübertragungen via "data bending" willkürlich
und abstrakt ("<re-encoding>) zugegriffen wird, dient die
"sonification" der Suche nach Information. Trotz dieses Unterschieds
sind Daten und Informationen in der Praxis eng miteinander verzahnt.
Lev Manovich bezeichnet "data art" als "anti-sublim ("The
Anti-Sublime in Data Art", s.o.), da sie für überschaubare
Dateneinheiten sorgt. Whitelaw ersetzt "anti-sublim" mit "computational
sublime": Rechenprozesse laufen außerhalb der Einflusssphäre
von BeobachterInnen ab und können "simultaneous feelings of
pleasure and fear" provozieren (McCormack, Jon/Dorin, Alan: Art,
Emergence, and the Computational Sublime). Systeme entwerfende KünstlerInnen
sind "prototypical data-subjects", die AnwenderInnen zeigen,
wie sie "strategies and mappings" einsetzen können: "They
may show us a way, to hear for ourselves." Nach Manovich ist die
Aufgabe der Kunst in einer "license to portray human subjectivity"
festgelegt. Whitelaw ersetzt diese "single subjectivity" durch
Prozesse zwischen Personen, die immer schon "data-subjects, from
our GUIs to our ATMs" waren (4/2007).
- Whitelaw, Mitchell: System
Stories and Model Worlds. A Critical Approach to Generative Art.
In: Goriunova, Olga (Hg.): Readme 100. Temporary Software Art Factory.
Festival for Software Art and Cultures. HartWareMedienKunstVerein, Dortmund/Stadt-
und Landesbibliothek Dortmund 2005/Norderstedt 2006 (Book on Demand/.pdf),
S.135-154. Whitelaw will den Gegensatz zwischen einer an visuellen Prozessen
orientierten Generativen Kunst und einer Netzbedingungen kritisierenden
Software Art ("formalism" versus "culturalism")
aufheben. Er schlägt vor, generative Projekte als "Systeme"
mit "formaler Struktur" zu lesen, die sowohl Modelle möglicher
Welten sind als auch Zeichen enthalten, die in einem Kontext erscheinen,
in dem sie interpretierbar sind ("system stories"): "A
cultural critique of software art systems is the bridge spanning [Florian]
Cramer´s formalist/culturalist duality."
Whitelaw versucht durch die Auswahl der Beispiele eine Brücke zwischen
Generativer Kunst und dem Veranschaulichen von Informationen aus Databases
im Kommunikationsdesign (Mapping) zu schlagen: "Golan Levin´s
Axis
applet abstracts political rhetoric into a database-driven combinatoric."
Einige seiner Beispiele generativer, formal ausgerichteter Kunst stammen
aus den beiden Plattformen Software
{Structures} (s.o., Plattformen) und CODeDOC
(s.o., Plattformen), beide in "Artport"
des Whitney Museum of American Art in New York. Software als aktivistisches
Tool, das Interventionen in Datenflüsse erlaubt, erwähnt Whitelaw
am Schluss nur, um ihre Reichweite als begrenzt, weil "more local,
situated, concrete", vorzustellen.
Whitelaw greift Ansätze auf, Zusammenhänge zwischen autonomer
abstrakter Kunst und Umwelt herzustellen, indem Interpretationen der
formalen Werkstruktur um Bezüge zu den Entstehungs- und Rezeptionskontexten
erweitert werden. Er integriert in diese Vorgehensweise die Relation
Quellcode Rechenprozess und den (mit Lev Manovichs Abstraction
and Complexity behaupteten) Paradigmenwechsel der abstrakten Kunst
von Reduktion zu Komplexität (4/2007).
- Yoshida, Miya: The
Invisible Landscapes: The Construction of New Subjectivities in the
Era of the Mobile Telephone.
Diss. Malmö Academies of Performing Arts, Lund University. Lund
2006. Yoshida stellt Kunst für Mobiltelefone als Teil eines Prozesses
vor, der zu "Invisible Landscapes" führt. Im Zentrum
ihrer Argumentation steht eine Verschiebung vom Les- zum Hörbaren
und damit zum Unsichtbaren. Die Bedeutung, die heute Bildschirme von
Mobiltelefonen spielen, ist für Yoshida noch nicht entscheidend.
Sie wählt fünf Beispiele aus den Gruppenausstellungen "Invisible
Landscapes" in Malmö (2003), Bangkok (2005) und Lund (2006),
die von ihr (ko-)kuratiert wurden. Zwei ihrer Beispiele (Tony Oursler,
Shilpa Gupta) sind Werke für Mobiltelefone, drei weitere (Laura
Horelli, Annika Ström, Henrik Andersson) thematisieren den Mobilfunkkontext
als Installation, Video oder Tondokument. Yoshida ergänzt diese
Beispiele um ein in Lund dokumentiertes Projekt von Rimini Protokoll
(Call Cutta Mobile Phone Theater, 2005), das die Praxis indischer Telefondienste
an einem Beispiel zeigt. MitarbeiterInnen eines Call Centers führen
von Kalkutta aus via Mobiltelefon TouristInnen durch Berlin. In ihrer
überzeugenden Interpretation dieses Projekts folgt Yoshida Anregungen,
die sie in Maurizzio Lazzaratos "Lavoro immateriale" (1993/97)
fand.
Der unsichtbare Hörraum der Mobiltelefone (oder einer bestimmten
Nutzung von Mobiltelefonen im Spektrum Mobiltelefon-Smartphone-PDA-Laptop-Computer)
provoziert ein "injured listening" und im produktiven Umgang
mit Klangdateien eine musikalische "culture of copy". Diese
Kultur führt zu "iPodjacking" (den Kopfhörer in
iPods unbekannter PassantInnen stecken und das Archiv mithören)
und zum "Sharing" von Tondokumenten mit tragbaren Geräten
(TunA
und Café
Sound Life für PDAs). Dieser Umgang mit Tondokumenten steht
exemplarisch für eine "psychological flatness" (David
Joselit). Diese Fähigkeit, die "flatness" und den
Umgang von Angestellten der Telefondienste mit Kunden, den Rimini Protokoll
vorführen, modifizieren und damit `brechen´ zu können,
weist Yoshida als Teil einer Subjektivität (Imagination und Produktivität)
aus, die nach Lazzaratos Darstellung zeitgenössisches Management
nicht mehr nur von Fachkräften, sondern auch von allen Angestellten
fordert.
In ihrer "juxtaposition" verschiedener Bereiche des Mobilfunkkontextes
stellt Yoshida die Vorgeschichte der Telekommunikation, die sie einsetzende
Kunst sowie die wirtschaftliche und soziale Rolle der Koltan-Schürfung
vor (visualisiert von Alice Creischer und Andreas Siekmann). Koltan
dient unter anderem der Gewinnung von Tantal für Kondensatoren
der Mikroelektronik mit hoher elektrischer Kapazität, die in Mobiltelefone,
Laptops u.a. eingesetzt werden.
Das Medium Mobiltelefon wird als kontrollierter und kontrollierbarer
Hörraum und mit Arjun Appadurai als Teil einer Durchdringung
von "ideo-, media-, ethno-" und "financescape" vorgestellt
(6/2009; 5/2013: nicht gefunden).
- Zuñiga, Ricardo Miranda: The
Work of Artists in a Databased Society: net.art as on-line activism.
In: Soundtoys Journal 2003. Skizziert werden die Möglichkeiten,
die das Internet sowohl für eine globale demokratische Öffentlichkeit
als auch für staatliche wie wirtschaftlichen Interessen folgende
Überwachung bietet. Brooke Singer versetzt in Self
Portrait version 2.0 (Oktober 2001-Oktober 2003) Betrachter in die
Rolle des Daten-Voyeurs. Zuñiga sieht die Qualitäten von
Singers Projekt darin, den ersten Schritt zum Aktivismus durch eine
pädagogische Heranführung an Probleme der Kontrollgesellschaft
zu tun, während das Projekt iSEE
des Institute for Applied Autonomy (ab 2002) den zweiten Schritt zur
Aktion im öffentlichen Raum durch ein Tool für Mobiltelefone
auszuführen erlaubt. Mit "iSEE" lassen sich Überwachungskameras
umgehen. Es kann auch in Demonstrationen angewandt werden, in denen
auf sich ändernde Umstände schnell reagiert werden muss. Aktivismus
soll sich gegen die Aufzehrung des "dialogischen Potentials"
des Internet durch ein "dezentralisiertes Panoptikon" wenden
(10/2006).
Besprechungen von Büchern über elektronische
Medien, Hypertext und Hyperfiction in IASLonline
Rezensionen:
- Borghoff, Uwe M. u.a.: Langzeitarchivierung.
Methoden zur Erhaltung digitaler Dokumente. 2003. (3.10.2004) (Günther
Görz)
- Cubitt, Sean: Digital
Aesthetics. 1998. (06.03.2001) (Christiane Heibach)
- Dünne, Jörg/Doetsch, Hermann/Lüdeke, Roger (Hg.): Von Pilgerwegen, Schriftspuren und Blickpunkten. Raumpraktiken in medienhistorischer Perspektive. 2004. (11/07/2005) (Anja Kerstin Johannsen)
- Faßler, Manfred: Cyber-Moderne.
Medienevolution, globale Netzwerke und die Künste der Kommunikation.
1999. (11.04.2000) (Oliver Jahraus)
- Greber, Erika et al (Hg.): Materialität
und Medialität von Schrift. 2002. (16.02.2003) (Hilke Achten)
- Hachenberger, Jan: Intellektuelles
Eigentum im Zeitalter von Digitalisierung und Internet. Eine ökonomische
Analyse von Missbrauchskalkülen und Schutzstrategien. 2003. (4.11.2005)
(Stefan Haupt)
- Haldemann, Alexander: Electronic
Publishing. Strategien für das Verlagswesen. 2000. (11.09.2001)
(Margit Roth/Michael Meier)
- Jahn-Sudmann, Andreas/Stockmann, Ralf (Hg.): Computer Games as a Sociocultural Phenomenon. Games without Frontiers War Without Tears. 2008. (15.3.2009) (Jan-Noël Thon)
- Jakobs, Eva Maria et al (Hg.): Textproduktion. HyperText, Text, KonText. 1999. (06.03.2001) (Christiane Heibach)
- Link, David: Poesiemaschinen Maschinenpoesie. Zur Frühgeschichte computerisierter Texterzeugung und generativer Systeme. 2007. (3.10.2007) (Thomas Kamphusmann)
- Manovich, Lev: The
Language of New Media. 2001. (16.09.2002) (Rembert Hüser)
- Mahne, Nicole: Transmediale Erzähltheorie. Eine Einführung. 2007. (15.01.2008) (Nina Heiß)
- Noeth, Winfried und Wenz, Karin (Hg.): Medientheorie und die digitalen Medien. 1998. (06.03.2001) (Christiane Heibach)
- Simanowski, Roberto: Textmaschinen Kinetische Poesie Interaktive Installation.
Zum Verstehen von Kunst in digitalen Medien. 2012. (27.1.2013) (Norbert Bachleitner).
- Stanitzek, Georg und Vosskamp, Wilhelm (Hg.): Schnittstelle.
Medien und kulturelle Kommunikation. 2001. (18.09.2001) (Isabelle
Siemes)
- Suter, Beat: Hyperfiktion
und interaktive Narration im frühen Entwicklungsstadium zu einem
Genre. 2000. (03.07.2001) (Christiane Heibach)
- Weiman, Gabriel: Terror on the Internet. The New Arena, the New Challenges. 2006. (25.10.2006) (Hans-Jürgen Krug)
Blogs (B), Portale (P), Mailing Lists (M; mit Archiv:
P, M) und Newsgroups (N) mit Diskussionsbeiträgen und/oder
aktuellen Meldungen zu NetArt (NA), Netzbedingungen (NB) und Aktivismus
(AK):
- Armin Medosch´s Blog (B, NA, NB, AK)
- Art & Research: A Journal of Ideas, Contexts and Methods (P, NA, NB, AK)
- artificial.dk (NA)
- Born Magazine (P, NA)
- Computational Culture: A Journal of Software Studies (P, NA, NB)
- Continental Drift: The Other Side of Neoliberal Globalization (Brian Holmes) (B, NB, AK)
- Creative Applications Network (B, NA, NB)
- Ctheory.net (P, M,
NA, NB)
- Dichtung-digital (P,
NA)
- Digicult (P, NA, NB, AK)
- Electronic Book Review
(P, NA, NB)
- Electronic Civil
Disobedience (P, AK)
- Electronic Frontier Foundation (P,
M, NB, AK)
- Fibreculture Journal (P, NA, NB, AK)
- Furtherfield.org (P, NA, AK)
- Heise online news (P, NB, AK)
- Hz-Journal (Fylkingen´s Net Journal) (P, NA)
- Independent Media Center/Indymedia
(P, M, AK)
- Information Aesthetics
(B)
- Institute
for Distributed Creativity (Trebor Scholz): Blog,
Mailing List (B,
P, M, NA, NB, AK)
- Institute of Network Cultures Weblog (B, NA, NB, AK)
- Intelligent Agent (P,
NA, NB, AK)
- Magazine électronique du CIAC/ CIAC´s Electronic Magazine (le Centre international d'art contemporain de Montréal (CIAC)) (P, NA)
- Mute: Culture and Politics after the Net (P, NA, NB, AK)
- NeMe (P, NA)
- net critique by Geert Lovink (B, NA, NB, AK)
- Netbehaviour a Networked
Artists Community (P, M, NA, NB, AK)
- nettime (P, M, NA, NB, AK)
- neural.it (P, NA, NB, AK)
- NewmediaFix
(B, NA)
- Pasta and Vinegar
(B, NA, NB)
- Random Magazine (P, NA, AK)
- Remix Theory (P, NA, NB, AK)
- Rhizome.org (P, M, NA)
- Rohrpost
(P, M, NA, NB, AK)
- ®TMark (P, AK)
- SPECTRE
list for media culture in Deep Europe (P, M, NA)
- Stunned.org (Conor McGarrigle) (P, NA, AK)
- SWITCH (P, NA, NB)
- Telepolis
(P, NA, NB)
- The Next Layer: Art, Politics, Free and Open Source Software (B, NA, NB, AK)
- Turbulence: networked_performance
(B, NA, NB)
- Vague Terrain (P, B, NA, NB)
- Visual Complexity (P, NA)
- we-make-money-not-art
(B, NA)
- Webartery (N,
NA, NB, AK)
Databases über und mit (Werken der)
Intermedia Art:
Seit April 2002 weisen Links auf Texte, die über die Geschichte
der NetArt und webspezifische, NetArt tangierende Probleme informieren.
März 2003 wurde die Liste um Links zu Plattformen, Portalen, Databases
und IASLonline Rezensionen erweitert. Als Plattformen gelten thematisch
ausgerichtete Websites, die mehrere künstlerische Projekte auf dem Server enthalten
und damit mehr sind als kuratierte Links. Im Februar 2004 kamen die
Links zu Texten über aktuelle Aspekte der NetArt hinzu. Die Zeitpunkte
der Fertigstellung der Einträge stehen in Klammern (Monat/Jahr).
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